„Stehen am Abgrund und tun den nächsten Schritt“

Gerichtsmediziner-Präsident Rabl schlägt Alarm

VOLKSBLATT: Was ist die Ursache für den Rückgang der Obduktionen von 30.700 im Jahr 1984 auf unter 9000?

WALTER RABL: Es ist ein internationaler Trend, dass immer weniger obduziert wird. Die Obduktionsfrequenz hängt auch von den zuständigen Personen ab. In Österreich gibt es Regionen mit einer nach wie vor sehr hohen Obduktionsfrequenz. Oberösterreich hat eine hohe Obduktionsquote, Kärnten ein sehr niedrige. Die Gesetzeslage hat sich nicht geändert: über Obduktion ja oder nein entscheidet der Beschauarzt und dafür braucht es keine Zustimmung der Angehörigen.

Können Pathologen das Minus bei gerichtsmedizinischen Obduktionen ausgleichen?

Aus fachlicher Sicht ist es unumgänglich, dass bei sanitätsbehördlichen Obduktionen und auch Spitalsobduktionen bei entsprechender Vorgeschichte (Trauma, unerwarteter Tod, Vergiftung) die Obduktion auch dann von einem Facharzt für Gerichtliche Medizin durchgeführt wird, wenn sich keine Hinweise auf eine Fremdeinwirkung ergeben haben. In Innsbruck ist das nach wie vor der Fall, in Wien und Salzburg wurden die sanitätspolizeilichen Obduktionen von der Gerichtsmedizin abgezogen und an die Pathologen übertragen, was logischerweise zu fachlichen Problemen führen muss.

Rabl: Je weniger Obduktionen, desto mehr Tötungsdelikte bleiben unentdeckt. ©Gerichtsmedizin Innsbruck
Rabl: Je weniger Obduktionen, desto mehr Tötungsdelikte bleiben unentdeckt. ©Gerichtsmedizin Innsbruck

Welche Folgen hat es, wenn immer weniger Obduktionen durchgeführt werden?

Zwangsläufig werden bei zunehmend sinkender Obduktionsfrequenz auch Traumen als scheinbar natürliche Todesfälle qualifiziert, natürliche Todesfälle als Traumen fehlinterpretiert und letztlich auch Tötungsdelikte nicht erkannt.

Schon 2014 vermutete der damalige Vizevorsitzende des Wissenschaftsrates, Walter Berka, „dass die Ursache von bis zu 30 Prozent der Todesfälle nicht sachkundig aufgeklärt wird“.

Die Zahl ist aus meiner Sicht eher niedrig angesetzt. Internationale Untersuchungen zur Aussagekraft einer Totenbeschau zeigen, dass bei optimalem Vorgehen (entsprechende Fachkenntnisse des Untersuchers, gute Beleuchtung, vollständige Untersuchung) die Fehlerquote bezüglich der Todesursache immer noch bei 30 Prozent liegt — bei ungünstigeren Umständen, die in der Praxis die Regel darstellen, liegt diese Quote bei 50 Prozent.

Wie viele Morde bleiben in Österreich unentdeckt?

Dazu kann ich seriöserweise keine konkreten Zahlen nennen. Wenn man die rechtliche Definition „Mord“ etwas weiter fasst und von „Tötungsdelikten“ wie fahrlässige Tötung oder Totschlag spricht, dann dürfte für Österreich ein Verhältnis von erkannt zu unerkannt von 1 zu 2 durchaus realistisch sein.

Warum mangelt es in Österreich an Gerichtsmedizinern?

Die notwendige Anzahl an potenziellen Ausbildungsstellen wäre mit zehn vorhanden. Tatsächlich sind es etwa fünf. Das Problem ist allerdings nicht die Ausbildung selbst, sondern die Tatsache, dass die Stellen an den Universitäten nach der Ausbildung auslaufen und es kein vernünftiges Karrieremodell für Gerichtsmediziner gibt, die den Schwerpunkt in der Routinetätigkeit haben.

Laut dem seinerzeitigen Bericht des Wissenschaftsrates lässt der Gerichtsmedizinermangel „auch für die Kriminalistik einen Wissensrückgang befürchten, der das Risiko der Fehlbeurteilung von Tathergängen erhöht“.

Diese Befürchtung wird mit jedem Jahr größer, weil immer mehr Gerichtsmediziner altersbedingt ausscheiden.Das Durchschnittsalter der gerichtsmedizinischen Sachverständigen liegt bei knapp 60 Jahren.

Was sind Ihre dringendsten Wünsche an die Politik?

Die Stakeholder müssten sich lediglich den Bericht des Wissenschaftsrates durchlesen, dann wüsste man, was zu tun wäre. Die einzige Reaktion auf die damalige Publikation war: „Wir sehen die Probleme derzeit nicht ….“. Dass die Ausbildung der Gerichtsmediziner bis zum Sachverständigen eine lange Vorlaufzeit hat und ein akuter Bedarf akut nicht bedeckt werden kann, wurde dabei vergessen. Wir stehen derzeit am Rand eines Abgrunds und werden in den nächsten Jahren leider einen Schritt weiter — in den Abgrund — sein.

Mit Gerichtsmediziner-Präsident WALTER RABL sprach Manfred Maurer

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