Stephen King: Erhebung

„Erhebungen“, der neueste Roman von Stephen King, ist in vieler Hinsicht eine Ausnahme: Nur knapp 150 Seiten hat das Büchlein — und das Ende für den Protagonisten kommt als erhebendes Ereignis und macht Hoffnung, dass das Sterben gar nicht schrecklich sein muss. Trotzdem wäre es kein King, wenn nicht seltsame Vorgänge die Handlung mitbestimmen würden. Scott, fettleibig, im mittleren Alter und vor kurzem von seiner Frau verlassen, wird von Tag zu Tag leichter, ohne dass sich sein Körper verändert. In seiner Stadt, wo die überwiegende Mehrheit für Donald Trump gestimmt hat, eröffnen zwei miteinander verheiratete Frauen ein Restaurant. Das Lokal geht schlecht, denn die Einwohner haben Vorurteile gegenüber den „Lesbierinnen“. Aber auch eine der beiden Frauen muss erst einmal ihre festgefahrene Meinung über Männer überdenken, um ihren Nachbarn Scott nicht als Feind zu betrachten. Schließlich entwickeln sich in der novellenartigen Geschichte tiefe Freundschaften, verwandeln sich Vorurteile in Anerkennung, ja es verändert sich die Gesellschaft. Ohne Holzhammer behandelt King akute Themen, bringt mit wunderschöner Prosa und einem gehörigen Schuss Fantasy dem Leser eine Politik des Miteinanders und die Würde des Sterbens ganz sanft und erbauend näher. Die Welt ist ohnehin genug zum Fürchten: „Erhebungen“ baut auf, macht Hoffnung, nimmt Furcht. Auch das kann der „Meister des Schreckens“ meisterhaft.

WH

Stephen King: Erhebungen. Heyne Verlag, 144 Seiten, 12,40 Euro