Sterben in der Schweiz

Daniel Wissers gewagter, großer, sensibler Roman „Königin der Berge“

Von Christian Pichler

Der Kater von Herrn Turin heißt Dukakis. Der Nachname Turin wie die Stadt, aber auf der ersten Silbe betont. Dukakis, der Kater, ist seit einigen Jahren tot, aber was macht das schon. In seinem Zustand kann Herr Turin jeden guten Beistand brauchen, und wenn es nur eine Stimme im Kopf ist.

Herr Turin, ein Mittvierziger, hat Multiple Sklerose. 1997 wurde die Krankheit bei ihm diagnostiziert, der körperliche Verfall unaufhaltsam. Seit Jahren schon sitzt Turin im Elektrorollstuhl, auf der rechten Seite der ihn immer wieder demütigende Harnbeutel. Turin ist intelligent, kann charmant sein und erhält sich, wenn er kräftig genug ist, mit Humor einen Rest Würde („seit ich nur mehr rolle und nicht mehr rocke“). Einen letzten Wunsch hat Turin noch: Freitodbegleitung. Ein gewolltes und sanftes Sterben in der Schweiz.

Über das Rätsel menschliche Seele

Daniel Wissers Roman „Königin der Berge“ ist ein Wagnis und ein großes und furioses Buch. Wisser schildert den Alltag Turins im Pflegeheim (in Wien), die Episoden sind nie langweilig, im Gegenteil: ein Lesevergnügen. Im Nachtkästchen die Flasche Whiskey, in der Cafeteria die Gläschen Veltliner. Was bleibt noch an kleinen Freuden?

Die Pflegerinnen. Manche lernt er näher kennen, mit anderen herrscht Waffenstillstand. Er erfährt auch, wie dürftig es um das System Pflege bestellt ist.

Wahrnehmung ist wichtig. Hat Turins Frau Irene, die Schöne (die „Japanerin“), tatsächlich beschlossen, die gemeinsame Vergangenheit ruhen zu lassen und ihren Mann nur noch als Kranken wahrzunehmen? Das Rätsel menschliche Seele auch im Schriftbild gespiegelt, es gibt durchgestrichene Wörter und Zeilen (das Verdrängte, das Verbotene). Als Turin nach einem Schub beinahe seine Sprechfähigkeit einbüßt, sind auch die Sätze übersät von geschwärzten Stellen.

Eine Verbündete sichert ihm ihre Hilfe für die Schweiz zu, ist Turin froh darüber? Kater Dukakis klärt auf: „So wie Donald Trump die Präsidentschaftswahl niemals gewinnen wollte, wollte Herr Turin nicht zur Freitodbegleitung zugelassen werden. Nun aber ist er dazu gezwungen, standhaft und mutig zu sein. Ich habe versucht, Turin vor der Psychologie zu bewahren; die Psychologie tut niemandem gut.“

Wisser hat sich in die erste Reihe geschrieben

Daniel Wisser, 1971 in Klagenfurt geboren, Mitglied des Ersten Wiener Heimorgelorchesters („Die Esten werden die Letten sein“), hat sich spätestens mit diesem, seinem fünften Roman in die erste Reihe der heimischen Autoren geschrieben. Es gibt diese Bücher, von denen man wünscht, dass sie nicht zu Ende gehen mögen. Auf „ Königin der Berge“ trifft das in mehrfacher Hinsicht zu. Eine Kostbarkeit, hoch sensibel und gerade ob ihrer Nüchternheit herzzerreißend. Der Schriftsteller kann mitempfinden, die Empathie stirbt zuletzt. Der Protagonist heißt Robert Turin, als Widmung stellt Wisser an den Beginn: „für Robert Meran“.