Stöckler-Schatzdorfer: „Mundart macht unsere Wurzeln sichtbar“

Gertrude Stöckler-Schatzdorfer gründete vor 20 Jahren Hausruckviertler Mundartkreis

Schloss mit 83 Jahren das Studium der Germanistik ab: Mundart-Expertin Gertrude Stöckler-Schatzdorfer. © Dietmar Ematinger

Gertrude Stöckler-Schatzdorfer (84) aus Frankenburg am Hausruck ist mit der Mundart groß geworden und die ist ihr zum lebenslangen Anliegen geworden.

Als Gründerin des Hausruckviertler Mundartkreises, der heuer sein 20-jähriges Bestehen feiert, hat sie Frauen ans Dichten herangeführt und gefördert. Und im vergangenen Jahr das Germanistik-Studium als bisher älteste Studentin des Faches in Salzburg abgeschlossen.

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Die Liebe zur Sprache vom Vater geerbt

Die Leidenschaft für die Innviertler Mundart ist ihr in die Wiege gelegt worden, war ihr Vater doch der bekannte oö. Mundartdichter Hans Schatzdorfer aus Großpiesenham in Pramet, dessen Todestag sich heuer zum 50. Mal jährt. Der war zwar eigentlich Tischler, seine große Liebe gehörte aber der Poesie. „Zu uns kamen viele Literaten nach Hause, die sich ausgetauscht und sich gegenseitig ihre Gedichte vorgelesen haben. Als kleines Mädchen bin ich schon immer dabei gesessen und habe gelauscht“, erinnert sich Stöckler-Schatzdorfer.

Große Förderin von Mundartdichterinnen

Sie selbst ist dann Lehrerin geworden, hat viele Jahre die Volksschule in Frankenburg als Direktorin geleitet. In der Pension hat sie sich ganz der Pflege der Mundart verschrieben, leitete sechs Jahre den Stelzhamerbund und gründete vor 20 Jahren den Hausruckviertler Mundartkreis: „Ich habe gemerkt, dass es viele Frauen in der Region gibt, die dichten, die aber nicht das Ansehen genossen wie dichtende Männer und auch keine Möglichkeit hatten, sich zu präsentieren.“ Aus anfangs zwei Mitgliedern sind bis heute 16 im Alter von 40 bis 98 Jahren aus allen Gegenden im Bezirk Vöcklabruck geworden, vorwiegend Damen, aber auch zwei Herren. „Wir sind eine ausdrucksstarke Gruppe geworden, die es jederzeit mit den Männern aufnehmen kann.“

Alle ein bis zwei Monate trifft man sich im örtlichen Wirtshaus zum Austausch. „Derzeit arbeiten wir an einem Märchenbuch.“ Das wird dann bereits das dritte Buch des Vereines. Auch öffentliche Lesungen finden regelmäßig statt. Nachwuchsproleme habe der Verein keine. Überhaupt bemerke sie in den letzten 20 Jahren zunehmend wieder mehr Hinwendung zur Mundart, die einen „ungeahnten Aufschwung“ nehme. „In Zeiten der Globalisierung sehnen sich viele zurück zu den eigenen Wurzeln. Mundart steht für Verbundenheit, mit ihr kann man auch ein Stück des eigenen Ichs entdecken. Sie ist heute ein anerkannter Sprachstil“, erklärt die betagte Dame. Gerade in schweren Zeiten wie diesen mache die Mundart unsere Wurzeln wieder sichtbar. Warum sie selber nie gedichtet hat? „Weil ich es nicht kann“, antwortet sie lachend. „Das ist etwas, das einem von Gott gegeben ist oder eben nicht.“ Von ihren drei Geschwistern sei nur ihr Bruder damit gesegnet gewesen.

Älteste Absolventin der Germanistik in Salzburg

Nach dem Tod ihres Mannes erfüllte sie sich einen großen Wunsch: Sie fing an, Germanistik zu studieren. Mehrere Male pro Woche machte sie sich auf den Weg nach Salzburg, um Vorlesungen und Seminare zu besuchen und schloss nach sechs Jahren mit dem Bachelor und zwei Jahre später mit dem Master ab. „Ich hab‘ großen Applaus dafür bekommen.“ In ihrer Bachelorarbeit widmete sie sich ihrem Vater.

„Sein Werk war dem Stelzhamers ebenbürtig, er war zu Lebzeiten bereits sehr anerkannt“, sagt Stöckler-Schatzdorfer. Drei Gedichtbände habe er in großen zeitlichen Abständen (1923 „Hoböschoat’n“, 1945 „Spatzngsang und Spinnáwittn“, 1969 „Zeidige Zwötschkn“) veröffentlicht, an denen seine Entwicklung von großer Stelzhamer-Nähe bis zur völlig eigenständigen Meisterschaft nachvollziehbar sei. „Er hat sich darin mit den Nöten der Menschen im 20. Jahrhundert beschäftigt und viel von sich selbst dargestellt.“ In Piesenham, dem Geburtsort ihres Vaters, aus dem auch Franz Stelzhamer stammte, kümmert sie sich noch um ihr Elternhaus: Es ist zu einem kleinen Museum für ihren Vater geworden, das sie als Kustodin betreut und das sie Besuchern zeigt.

„Wir werden zurückgeschraubt, unser bisheriges Leben wird es nicht mehr geben“, meint Stöckler-Schatzdorfer über die Auswirkungen, die die Corona-Krise habe. Ihr selbst gehe es gut in der Isolation, sie sei das Alleinsein gewohnt und habe auch ihren Optimismus nicht verloren. Menschen ihres Alters rät sie dazu, nicht untätig zu werden: „Gerade im Alter ist die Zeit gekommen, sich Wünsche und Sehnsüchte zu verwirklichen. Wenn man sich etwas vornimmt, dann kann man alles — auch im Alter.“

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