„Streik“: Eine theoretische Angelegenheit als Film verpackt

Stéphane Brizé zeigt den Kampf „die da unten“ gegen „die da oben“

Vincent Lindon in einer der großen Rollen seines Lebens als Gewerkschafter Laurent Amédéo.
Vincent Lindon in einer der großen Rollen seines Lebens als Gewerkschafter Laurent Amédéo. © Filmladen

Von Renate Wagner

Das Wort „Klassenkampf“ erscheint uns gestrig, aber wenn man seine heutige Ausformung sucht, könnte der französische Film „Streik“ — im Original: „En guerre“, also „Im Krieg“ — ein Beispiel dafür bieten. Arm gegen Reich, ein ewiger Kampf in der Geschichte, und einer, den die Armen — auch wenn sie in millionenfacher Überzahl sind — noch nie gewonnen haben. (Und es wohl auch nicht werden, wenn sie als Wutbürger in gelben Westen die Städte überfluten.)

Regisseur Stéphane Brizé, der schon in seinem Film „Der Wert des Menschen“ soziale Abgründe behandelt hat, zeigt die Situation in einer kleinen französischen Stadt. Mehr als tausend Menschen aus der Region arbeiten in der Fabrik, die Automobilzubehör herstellt. Der deutsche Mutterkonzern, der Milliardengewinne einfährt, will und wird das Werk dennoch schließen — so wie millionenschwere Banken die Firma McKinsey beauftragen, zahllose Arbeitsplätze einzusparen, um den Gewinn weiter zu maximieren. Und was wird aus den Menschen, die dann auf der Straße stehen, ohne Chance auf Jobs in der Region?

Als sähe man eine Dokumentation auf Arte

In diesem Film, den der Regisseur vordringlich mit Laien besetzt hat und der keine individuellen Schicksale, sondern nur knappe zwei Stunden Arbeitskampf zeigt, ruft der Gewerkschafter Laurent Amédéo (Vincent Lindon in einer der großen Rollen seines Lebens) zum Streik auf. Und das sieht man jetzt — ihn und einige seiner Mitstreiter am Verhandlungstisch mit den Chefs, die durch keine Argumente von ihrem Entschluss abzubringen sind, anderswo billiger zu produzieren; und vor der Tür, am Fabriksgelände, die Belegschaft, die skandierend ihren Zorn ausdrückt und die Fäuste schwingt.

Solcherart ist der Film, dessen Problematik man erkennt und dessen Anklage man voll zustimmt, letztendlich fast eine theoretische Angelegenheit geworden, als sähe man eine nächtliche Dokumentation auf Arte. Als sollte man wirklich nur die traurige Erkenntnis mitnehmen, wie chancenlos „die da unten“ gegen „die da oben“ sind. Echtes Kino sieht anders aus. Das diskutiert nicht nur, das zeigt Schicksale. So berechtigt „Streik“ in sich und an sich natürlich ist.

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