„Struktur der alten Kathedrale hält gut“

Architekten-Wettbewerb für Wiederaufbau des eingestürzten Spitzturms

Ein Schutthaufen im Inneren der Kathedrale, dessen Dach zum Großteil bei dem verheerenden Brand zerstört wurde.
Ein Schutthaufen im Inneren der Kathedrale, dessen Dach zum Großteil bei dem verheerenden Brand zerstört wurde. © AFP/Blin

PARIS – Nach dem verheerenden Brand, der Montagabend um 18.50 Uhr in der Pariser Kathedrale ausgebrochen war, soll Notre Dame bis zu den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris wieder aufgebaut werden. Über dieses Versprechen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron an seine Landsleute beriet am Mittwoch die Regierung. Frankreich will einen internationalen Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau des kleinen, mehr als 90 Meter hohen Spitzturms ausrufen.

Er war im Zuge des Feuers, das zwei Drittel des Daches vernichtet hat, in sich zusammengefallen. Mit dem Wettbewerb solle darüber entschieden werden, ob und wie der Turm wieder aufgebaut wird, sagte Premierminister Edouard Philippe nach der Regierungssitzung. Ein neuer Turm müsse den „Techniken und Herausforderungen unser Zeit“ standhalten.

Außerdem kündigte Philippe ein neues Gesetzes an, das Transparenz im Umgang mit den Spenden sicherstellen soll. „Jeder Euro, der für den Wiederaufbau von Notre Dame eingezahlt wird, wird dafür eingesetzt – und für nichts anderes“, sagte Philippe. Eine entsprechende Vorlage soll es in der kommenden Woche geben. Private sollen Spenden bis zu 1000 Euro zu 75 Prozent absetzen können. Zudem solle eine öffentliche Einrichtung den Wiederaufbau leiten.

Präsident Macrons ehrgeiziger Zeitplan

Experten halten den Zeitplan von fünf Jahren für die Rekonstruktion für sehr ehrgeizig. Der Regierungsbeauftragte für das kulturelle Erbe, Stephane Bern, geht von „zehn bis 20 Jahren“ für den Wiederaufbau aus. Der Handwerksverband Compagnons du Devoir erklärte, es fehle an Fachkräften, vor allem an Steinmetzen, Zimmerleuten und Dachdeckern, um das gotische Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert vollständig zu restaurieren.

In Notre Dame könnte der bisherige Holzdachstuhl durch eine Version aus Metall ersetzt werden. Experten verwiesen auf ähnliche Maßnahmen bei anderen zerstörten Kirchengebäuden. Kunsthistoriker Stephan Albrecht von der Uni Bamberg, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Architektur der Pariser Kathedrale gehört, könne sich nicht vorstellen, dass der Dachstuhl aus Holz nachgebaut werde. Die Baupläne aus dem 13. Jahrhundert seien nicht mehr verfügbar, es gebe nur „vage Zeichnungen“.

Ungebrochene Spendenbereitschaft

Für die Instandsetzung ist schon fast eine Milliarde Euro an Spenden zusammengekommen. „Heute Morgen waren es fast 900 Millionen. Ich denke, wir werden heute noch die Milliardengrenze überschreiten”, sagte Bern am Mittwoch dem Sender RMC. „Die ganze Welt ist an unserer Seite”, sagte Bern. Er erhalte Spenden aus vielen Ländern für die berühmte Kathedrale auf der Seine-Insel Île de la Cité im Herzen von Paris, die bisher als Touristenmagnet jährlich 13 Millionen Menschen anlockte.

Auch Victor Hugos Klassiker „Der Glöckner von Notre-Dame“ aus dem Jahr 1831, – der seit dem Brand die Bestsellerlisten anführt – soll wieder aufgelegt werden. Ein Teil der Einnahmen soll zum Wiederaufbau beitragen.

Auch die Wiener Philharmoniker wollen ideell ihren Beitrag leisten: Das Spitzenorchester wird sein Konzert am 2. Mai im Berliner Dom, das im Rahmen des „Anton-Bruckner-Kathedralenprojekts“ der Fondazione Pro Arte e Musica Sacra stattfindet, unter das Motto „Zusammenstehen! Solidarität für Notre Dame de Paris“ stellen.

Rettung war laut Feuerwehr sehr knapp

Die Rettung der Kathedrale vor dem Einsturz war nach Angaben der Regierung noch knapper als angenommen. Innenstaatssekretär Laurent Nunez sagte, es habe sich „um 15 bis 30 Minuten“ gehandelt. Die Feuerwehr habe den Brand gerade noch rechtzeitig löschen können. Die Grundfesten der Kathedrale und die beiden Glockentürme halten nach seinen Worten stand. Experten und Behörden kämpfen nun um die Sicherung des gut 850 Jahre alten Gebäudes.

Für ihren Mut wurden die Einsatzkräfte auch von Papst Franziskus gewürdigt. Sie hätten „ihr Leben riskiert“, sagte er in seiner wöchentlichen Generalaudienz auf dem Petersplatz in Rom. Macron hatte die Einsatzkräfte als „Helden“ bezeichnet.

Wertvoller Turmhahn wieder entdeckt

Zahlreiche Kunstschätze fielen den Flammen zum Opfer, darunter die kleine Chor- orgel. Kostbare Reliquien, etwa die Dornenkrone Jesu, und das Hauptkreuz der Kirche konnten jedoch gerettet werden. Die Hauptorgel wurde weitgehend vom Feuer verschont. Laut französischen Medienberichten ist nun auch jener Hahn in den Trümmern entdeckt worden, der sich auf der Spitze des Spitzturmes befand, der eingestürzt war. Die Skulptur ist wertvoll, da sie mehrere Heiligtümer beherbergt. Ob sich diese noch darin befinden, war zunächst nicht bekannt.

Ursachensuche: Baufirmen wehren sich

Die Staatsanwaltschaft, die von einem Unfall ausgeht, ermittelt wegen fahrlässiger Brandstiftung. Die an der Renovierung beteiligten Baufirmen sind sich keiner Schuld bewusst. Alle vorgeschriebenen Brandschutz- und Sicherheitsmaßnahmen wurden eingehalten. Beim Ausbruch des Feuers war kein Arbeiter mehr in der Kathedrale. Alle elektrischen Geräte seien vom Strom genommen worden, Schweißgeräte waren nicht im Einsatz.