Suche nach Sprache und Identität beim Bachmann-Preis

Die 45. Tage der deutschsprachigen Literatur haben auch im coronabedingt zweiten Online-Jahr höchste Lebendigkeit bewiesen. Während die Bachmann-Preis-Jury (ohne Publikum) im Klagenfurter ORF-Studio diskutierte, wurden die vorab aufgezeichneten Lesungen der 14 Autorinnen und Autoren eingespielt. Zu erleben war eine punktuelle Tingler/Kaiser-Achse, ein für formal spannende Beiträge kämpfender Klaus Kastberger und eine breite Zustimmung für Texte über Parallelwelten.

Am morgigen Sonntagvormittag werden nach drei intensiven Lesetagen der mit 25.000 Euro dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis sowie der Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro), der Kelag-Preis (10.000 Euro) sowie der 3sat-Preis mit 7.500 Euro und der BKS Bank-Publikumspreis mit 7.000 Euro, der mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt verbunden ist, vergeben. Zu den heißesten Anwärtern zählen dabei wohl Lukas Maisel, Fritz Krenn, Necati Öziri, Dana Vowinckel und nicht zuletzt Nava Ebrahimi.

Einen großen Teil der Jury konnte etwa am Freitagnachmittag der Schweizer Lukas Maisel mit seinem Dating-App-Text „Anfang und Ende“ überzeugen. Philipp Tingler lobte die „Verwobenheit von Zeitbezogenheit und Zeitlosigkeit“ des von ihm eingeladenen Beitrags, Neo-Jurorin Mara Delius freute sich über die „absolute Sicherheit in der Komposition des Textes“, Juryvorsitzende Insa Wilke und Klaus Kastberger lasen einen „Text über das Erzählen“ und die diesmal zum ersten Mal vertretene Autorin Vea Kaiser fand ihn überhaupt „wahnsinnig großartig“, sodass Brigitte Schwens-Harrant („zu überkonstruiert“) und Michael Wiederstein („telenovelaartiger Text“) sich nicht durchsetzen konnten.

Fast ebenso einhellig erfreute die Jury „Mr. Dog“ des steirischen Schriftstellers Fritz Krenn, in dem er ebenfalls am Freitag von einer von einem Hund unterbrochenen Lesung berichtet. Wilke freute sich über den „sorglosesten Text, den wir bisher in dieser Runde gehört haben“ und lobte eine „virtuose Literaturbetriebsetüde“, der einladende Kastberger hob die literarischen Bezüge auf Bernhard, Handke und Reich-Ranicki hervor. Wiederstein fand lobende Worte für einen Text über das Salon-Milieu, auch Schwens-Harrant (Lob für die „Lebendigkeit der Lesung“) und Delius („lakonische Komik“) stimmten überein. Lediglich Tingler fand den Text „überladen und konfus“ und auch Kaiser wurde damit nicht warm.

Als dritter Mann im Bunde kann sich auch der deutsche Autor und Theatermacher Necati Öziri Hoffnungen auf einen der Preise machen, der bereits am Donnerstag dran war. In „Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben“ richtet der Erzähler einen Abschiedsbrief an den Vater, der nach einem langen Aufenthalt als politischer Gefangener in einem türkischen Gefängnis mit einer zweiten Frau ein zweites Leben begonnen und sich von seinem Sohn stark entfernt hat. Kaiser zeigte sich „irrsinnig begeistert“, Wiederstein lobte die „perfekten Bilder“, Kastberger fühlte sich an Kafkas „Brief an den Vater“ erinnert, der gut umgedreht werde, Wilke freute sich über einen hohen Grad der Bewusstheit. Latent kritische Töne kamen lediglich von Tingler und Schwens-Harrant.

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Erst am Samstagvormittag war die 1996 geborene deutsche Autorin Dana Vowinckel an der Reihe, ihren Text „Gewässer im Ziplock“ vorzutragen, in dem sie die Zerrissenheit einer orthodoxen jüdischen Familie seziert. Die Jury zeigte sich einhellig angetan: Für die einladende Jurorin Delius handelte es sich um einen „außergewöhnlichen Text, der den Topos der gepackten Koffer“ behandle, Jury-Vorsitzende Wilke sah die Autorin als Vertreterin einer neuen Generation von Autoren, die von der Existenz von Parallelwelten erzählt. Auch Kaiser fand den collagierten Romanauszug „grandios gelungen“, Kastberger lobte darüber hinaus das „Tempo des Vortrags, der der Emotionalität des Textes angemessen ist“. Schwens-Harrant lobte die doppelte Entfremdung in Pubertät und Diaspora, Tingler zeigte sich vom „sensualistischen Stil“ angetan, während Wiederstein hoffte, „dass daraus ein längeres Buch wird“.

Chancen könnte auch die aus Teheran stammende und in Graz lebende Nava Ebrahimi mit ihrem Text „Der Cousin“ haben, den sie am Samstagnachmittag vortrug. Für Delius handelte es sich um einen „ganz tollen Text, der nicht nur die Spätfolgen einer Migrationsgeschichte“ erzählt, sondern sich darum drehe, dem darauf folgenden Anpassungsdruck zu entkommen. Auch für Wilke war es ein Text, der „der Frage nach Möglichkeiten des Ausdrucks im Nicht-Sprechen“ nachgehe.

Weniger Hoffnungen auf eine Auszeichnung haben die Wienerin Magda Woitzuck mit ihrem Text „Die andere Frau“, den Kastberger als „überbuchstabiert“ und zugleich „schlampig gearbeitet“ bezeichnete. Auch „1709,54 Kilometer“ der 1991 geborenen Salzburgerin Katharina Ferner fiel trotz lobender Worte Kastbergers größtenteils durch. Durchaus einiges an Wohlwollen kam dem deutschen Autor Leander Steinkopf für „Ein Fest am See“ entgegen, Wilke fand den Text allerdings „völlig spießig und überhaupt nicht radikal“. Der Text „Frauen im Sanatorium“ der aus Moskau stammenden, seit 1994 in Deutschland lebenden Anna Prizkau wurde unterdessen von Kastberger mit dem Prädikat „opernhaft“ abgekanzelt, auch Schwens-Harrant, Widerstein („kein poetologisches Konzept“) und Wilke zeigten sich wenig überzeugt.

Aus der lyrischen Ecke kam auch „Die jüngste Zeit“ der Klagenfurter Lokalmatadorin Verena Gotthardt, der ebenfalls nicht durchgehend gut ankam. Eröffnet worden war der Lesereigen von der Schweizer Schriftstellerin Julia Weber mit ihrem Text „Ruth“, der vor allem mit einer ausführlichen lesbischen Sexszene hervorstach, den Tingler allerdings als „unglaublich verstaubt“ und „zutiefst durchschnittlich“ bezeichnete. Die Deutsche Heike Geißler konnte mit „Die Woche“ nicht wirklich überzeugen. Auch der deutsche Autor Timon Karl Kaleyta („Mein Freund am See“) konnte keine Mehrheit hinter sich bringen. Den Abschluss machte am Samstagnachmittag Nadine Schneider mit der Kindheitsgeschichte „Quarz“, der jedoch mehr Fragen in der Jury aufwarf als beantwortete.

(S E R V I C E – )

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