Susanne Falk: Anatol studiert das Leben

Die titelgebende Hauptfigur in Susanne Falks neuem Roman „Anatol studiert das Leben“ hat einen ausgeprägten Zähl- und Kontrollzwang, lernt am liebsten das Kursbuch der ÖBB auswendig und wird auch sonst dem Status eines Sonderlings gerecht. Um das Herz einer französischen Kunststudentin zu gewinnen, stiehlt der Antiheld, der als Museumsaufseher im Wiener Kunstforum arbeitet, Chagalls „Traum der Liebenden“ und macht sich damit auf den Weg nach Frankreich. In drei Erzählsträngen wechselt die Handlung zwischen Anatols Versuch, nach Nantes zu gelangen, der Familie, die hinter Anatol und der Polizei, die hinter allen her ist. Das ist teils unterhaltsam, teils bemüht. Die einprägendste Figur ist nicht etwa der Hauptprotagonist selbst, sondern die Großmutter, eine dramenzitierende Burgdiva, die ihre Familie wie eine Marionettenspielerin in der Hand hat. Als promovierte Germanistin spart Susanne Falk nicht mit Hinweisen auf klassische Texte, wenngleich sich ihr Anatol nicht als frauenverführender Hallodri aufführt wie die Figur von Arthur Schnitzler, sondern der ist, der unverhofft verführt und genauso schnell wieder abserviert wird. Doch wie Schnitzlers Anatol sammelt er Erinnerungen an seine Verflossenen: ein zerbrochenes Matchboxauto, das leere Etui einer Blockflöte… Mit „Anatol studiert das Leben“ hat Falk leichte Sommerlektüre geschaffen. Der Text gliedert sich wie klassische Dramen in fünf Teile und folgt auch sonst diesen Regeln. Am Ende stehen jedoch nicht Tod und Katastrophe, sondern ein Happy End. KN
Susanne Falk: Anatol studiert das Leben. Picus Verlag, 360 Seiten, 18 Euro