Tanz des Schmerzes eröffnete Ouverture bei Festspielen

Es ist zum Heulen: Nicht das Programm der Ouverture spirituelle bei den Salzburger Festspielen. Oder genau genommen doch. Schließlich lautet das Motto des heurigen Präludiums zum eigentlichen Festival “Tränen”. Und so flossen, während am Domplatz der “Jedermann”-Ruf erschallte, in der naheliegenden Kollegienkirche die “Lagrime di San Pietro”, Petrus’ Tränen. Und es war zum Heulen schön.

Die 2012 unter Alexander Pereira eingeführte Ouverture spirituelle war nie der lustig-sommerliche Softstart für die Festspiele, sondern gemäß ihrem Titel stets ein kontemplativer, nachdenklicher Auftakt vor dem Glamourtreiben. So melancholisch wie heuer startete man bis dato aber noch nie in die Festspiele.

Peter Sellars – als Regisseur der Auftaktpremiere “Idomeneo” und als Eröffnungsredner gewissermaßen Artist in Residence – hat die letzte Komposition des 1594 verstorbenen Orlando di Lasso, die dieser drei Wochen vor seinem Tod vollendete, in eine Choreografie des Schmerzes, einen Tanz der Körper um die Stimme transformiert. Schließlich beschreiben di Lassos 20 Madrigale nach Texten von Luigi Tansillo (plus eine Motette als Höhepunkt) die Trauerphasen Petrus, die Tränen des gealterten Jüngers über seine Verleugnung des gefangenen Christus.

“Lagrime di San Pietro” ist kein dezentes, stilles Abschiedswerk, sondern der vor Emotion berstende Abschiedsschrei eines Meisters der Polyphonie, geschrieben kurz vor der Geburt der Oper. Die vor Schmerz überquellenden Madrigale sind zugleich Höhepunkt wie Abgesang der A-cappella-Musik der Renaissance.

Sellars und Grant Gershon als Leiter des Los Angeles Master Chorale haben nun jede Stimme des Werks mit drei Sängern besetzt. Insgesamt finden sich so 21 Sänger auf der Bühne, was einen sehr transparenten Klang ermöglicht, der immer wieder das Hervortreten einzelner Stimmen erlaubt.

In verschiedenen Grautönen und scheinbaren Alltagsklamotten gewandet, sind die Sänger hier zugleich Tänzer, Performer, die in einer kraftzehrenden Choreografie mal plakativ, mal symbolisch, mal rein auf das Bild fokussiert die Texte in Bewegung übersetzen. Und doch geht es hier nicht um einzelne Szenen, sondern Impressionen.

Sellars entrückt dabei die Petrus-Trauer dem religiösen oder gar christlichen Kontext und nimmt stattdessen seine Feigheit im Angesichts der Gewalt als Ausgangspunkt für die Frage nach der Verantwortung des Menschen. Bisweilen erscheint die Zwiesprache von Petrus mit seinem Gott hier wie das Gespräch zweier enttäuschter Liebender. Die Sphärenklänge des Polyphonie werden geerdet. Und die Woche der Ouverture spirituelle hat einen umjubelten Auftakt. Diese Tränen lügen nicht.

(S E R V I C E – Orlando di Lassos “Lagrime di San Pietro” bei den Salzburger Festspielen in der Kollegienkirche, Universitätsplatz 1, 5020 Salzburg. Mit dem Los Angeles Master Chorale unter Grant Gershon. Regie: Peter Sellars, Licht: James F. Ingalls, Kostüme: Danielle Domingue Sumi. Weitere Aufführung am heutigen Sonntagabend. )

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