Tapferkeit in Zeiten des Terrors

Debütroman der Floriana-Preisträgerin Ljuba Arnautovic: „Im Verborgenen“

Ljuba Arnautović und Robert Zeitlinger, Bürgermeister von St. Florian
Ljuba Arnautović und Robert Zeitlinger, Bürgermeister von St. Florian. © fotokerschi.at

Von Christian Pichler

Niemand im Büro würde es wagen, diese „Korrektheit in Person“ nach ihrem Privatleben zu fragen. Genofeva arbeitet als Sekretärin in der Kanzlei des Oberkirchenrats in Wien, nur ganz wenigen gewährt sie die Anrede „Tante Eva“. Ab Sommer 1943 versteckt Genoveva in ihrer Wohnung im Gebäude des Kirchenrats sogenannte U-Boote, denen als Juden die Vernichtung durch die Nazis droht.

Niederschmetternd und doch Hoffnung machend

Ljuba Arnautovic hat die Geschichte ihrer Großmutter Genofeva in ihrem ersten Roman „Im Verborgenen“ niedergeschrieben. 2018 las Arnautovic beim Literaturwettbewerb Floriana aus der Fortsetzung und wurde dafür mit dem 2. Preis ausgezeichnet. Ähnlich wie Erich Hackls fast zeitgleich erschienener Roman „Am Seil“ besticht Arnautovic´ „Im Verborgenen“ durch eine nüchterne und klare Sprache. Die Wucht des Geschehenen zu erfassen, geschieht wie von selbst in der Fantasie des Lesers.

Genofeva, 1901 in Wien geboren, sympathisiert erst mit dem Sozialismus. Nach den Februartagen des Jahres 1934, als in Österreich kurz der Bürgerkrieg aufflammte, wird sie verhaftet und mehrmals gefoltert. Ihr Mann Karl flieht, seine Spuren verlieren sich für Jahrzehnte. Genofevas zwei Söhne werden noch als Kinder in die vermeintliche Sicherheit nach Moskau geschickt. Einen, Slavko, ermordet 1941 der schwer paranoide sowjetische Staat. Jahrelang hat Genofeva vergeblich die „Genossen“ um Hilfe gebeten, ihre Söhne wiederzusehen. Die Idee vom neuen Menschen entpuppt sich als ganz schlechter und grausamer Scherz.

In Wien ist es vor allem der evangelische Geistliche Hans Rieger, der die tapfere Frau darin unterstützt, Leben zu retten. Ein Trauma wird zu einem schrecklichen Ende führen, andere können weiterleben. Ljuba Arnautovic, 1954 in Kursk (damalige UdSSR) geboren, Autorin zahlreicher Beiträge auf Ö1, hat einen herausragenden, niederschmetternden und doch Hoffnung machenden Text geschrieben. Schön komponiert die Zeitensprünge, immer im Dienst der Erzählung, der Hintergrund ein turbulentes und katastrophisches 20. Jahrhundert.

Selten sind die Tapferen einfach nur tapfer

Dieses Buch ruft in Erinnerung, dass schlimme Zeiten nicht einfach schlimm sind. Für den einzelnen, der oder die sich nicht fügt, werden sie rasch zur Tortur. Selten sind die Tapferen einfach nur tapfer. Angst, Zweifel, wiederkehrende Verzagtheit sind ihre ständigen Begleiter.

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