Theater an der Wien feiert mit „Saul“ den Wahnsinn

Vor drei Jahren wurde Claus Guths szenische Adaptierung des Händel-Oratoriums „Saul“ zum Triumph für das Theater an der Wien. Anstatt der ursprünglich angestrebten Wiederaufnahme blieb nun dank Corona nichts als eine TV-Aufzeichnung. Und wieder dominiert Florian Boesch in der Titelpartie das Ensemble der Inszenierung als in den Wahnsinn abgleitender Machthaber. Der 49-Jährige ist eine Urgewalt, die auf der Bühne die Aufmerksamkeit auf sich zieht wie ein Schwarzes Loch.

Schönklang ist für den Sängerschauspieler kein Selbstzweck, sondern muss sich dem Spiel unterordnen. Und das produziert Wahnsinnsszenen, nach denen man diesem Darsteller nicht nachts allein in einer dunklen Gasse begegnen möchte. Boeschs Dominanz ist dabei umso frappanter, da auch das übrige Ensemble, das praktisch unverändert von der Erstaufführung 2018 übernommen wurde, eine herausragende Interpretation abliefert. Countertenor Jake Arditti als naiver Gegenspieler David hat offensichtlich die Coronazeit zum Hanteltraining verwendet, ist aber auch stimmlich gewachsen – zumindest im 1. Aufzug.

Bezüglich der Stimmkraft steht Arditti TaW-Stammgast Anna Prohaska als Saul-Tochter Merab in nichts nach, zumal ihre Stimme zunehmend nachdunkelt wie ein gutes Stück Holz. Bei beiden steht das Ausagieren der Partie, die Darstellung ihres Charakters vor einem Koloraturfeuerwerk. Giulia Semenzato bildet als Schwester Michal mit einem warm unterfütterten Sopran gemeinsam mit Rupert Charlesworth als Bruder Jonathan als geradlinige Stimminterpreten das noch diesseitig des Wahnsinnsgrades befindliche Doppel. Einzig der britische Tenor David Webb zittert sich als Hohepriester regelmäßig an die Intonation heran.

Dieser starken Ensembleleistung bedarf die psychologisch ausgefeilte, fordernde Regie von Claus Guth allerdings auch. Immerhin ist „Saul“ das Werk, mit dem Händel 1739 sein Publikum nach der Krise der italienischen Oper in London wieder für sich gewinnen konnte. Mit englischsprachigen Texten fanden die Oratorien neue Zuschauer, wobei „Saul“ dramaturgisch noch sehr nahe an der Oper ist, in gewissem Sinne einen Hybrid darstellt und zugleich mit Glockenspiel und Harfensolo einen ungewohnt klangreichen Bogen schlägt.

Perfekte Voraussetzungen für Guth, einem Experten für die Adaption von Oratorien, wie er etwa mit seinem legendären „Messiah“ einst im TaW unter Beweis stellte. Auch sein „Saul“ ist im für ihn typischen Monochrom gehalten, verzahnt eleganten Minimalismus mit einer Drehbühne, die meist im dezenten Halbdunkel liegt. Schnelle Szenenwechsel werden mit einer Choreografie verbunden, die den Schoenberg Chor zum raumbildenden Element macht.

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In diesem optischen Rahmen wird der „Saul“ zur Parabel eines Machtwechsels, David Sinnbild für den Fremden, der in eine großbürgerliche Familie eindringt und letztlich die Macht an sich reißt. All about David. In dieser Familienaufstellung unterstreicht Guth mit schönen Mikroaktionen der Figuren sein Talent in der Personenführung, eröffnet auch ohne Worte einen ganzen Kosmos der Beziehungen.

Und schließlich komplettiert im Graben das Freiburger Barockorchester unter Christopher Moulds mit seinem immer wieder neckischen Spiel mit Dynamik und Tempi in Kombination mit feiner Phrasierung eine Inszenierung, die nun live nicht erlebt werden kann. Immerhin gibt es am 2. Mai in ORF 2 eine Dokumentation zur Inszenierung und ab 8. Mai auf Fidelio die Aufzeichnung zu sehen. Die Zeit bis zu etwaigen Öffnungsschritten in der Kultur lässt sich also überbrücken.

(S E R V I C E – „Saul“ von Georg Friedrich Händel im Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des Freiburger Barockorchesters: Christopher Moulds. Regie: Claus Guth, Ausstattung: Christian Schmidt, Licht: Bernd Purkrabek. Mit: Florian Boesch – Saul, Jake Arditti – David, Anna Prohaska – Merab, Giulia Semenzato – Michal, Rupert Charlesworth – Jonathan, David Webb – Abner/High Priest/Doeg, Rafał Tomkiewicz – Witch of Endor. Fixiert ist eine Dokumentation mit Ausschnitten am 2. Mai in der ORF 2-„matinee“ ab 9.05 Uhr unter dem Titel „Saul in Szene gesetzt – G. F. Händels Oratorium im Theater an der Wien“ sowie ab 8. Mai das Stück in toto auf dem Klassikportal fidelio. )

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