Theater der Verführung im österreichischen Biennale-Pavillon

Eigentlich wirkt der österreichische Pavillon in den Giardini in Venedig wie immer: Das schlichte Design des von Josef Hoffmann entworfenen Gebäudes am äußersten Rand des Biennale-Geländes mit dem unscheinbaren „Austria“-Schriftzug lässt diesmal nicht vermuten, was sich hinter den Mauern befindet. Doch hat man das Portal einmal durchschritten, findet man sich mitten in einer ganz eigenen Welt, die Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl geschaffen haben.

Die beiden Künstler*innen sind gemeinsam mit Kuratorin Karola Kraus vor zwei Jahren aus dem erstmals ausgeschriebenen Wettbewerb zur Bespielung des Pavillons für die 59. Kunstbiennale hervorgegangen. Pandemiebedingt um ein Jahr verschoben, startet die internationale Kunstausstellung am kommenden Samstag. Der österreichische Pavillon entspricht einer Einladung in den Kosmos der beiden Künstler*innen und trägt den Titel „Invitation of the Soft Machine and Her Angry Body Parts“.

Im Jahr 2017 war der österreichische Beitrag schon von weitem zu sehen, als Erwin Wurm, der Österreich gemeinsam mit der heuer verstorbenen Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz vertrat, einen vertikal platzierten Lastwagen vor dem Pavillon in die Höhe ragen ließ. Zwei Jahre später ließ Renate Bertlmann – die als erste Frau den Pavillon allein bespielte – an der Fassade den Schriftzug „Amo, ergo sum“ („Ich liebe, also bin ich“) anbringen, während sie im Hinterhof 312 rote Glasrosen aus Murano präsentierte. Heuer stehen nun die Eingeweide im Zentrum – in mehrfachem Sinne.

Knebl und Scheirl widmen sich in ihrem Beitrag ganz den 1970er-Jahren und deren Auswirkungen auf das Jetzt. „Mit Utopien, Dystopien, Bürgerrechtsbewegungen oder auch der Erdölkrise, die jetzt wieder aktuell ist“, wie Knebl im Vorfeld im APA-Interview erläuterte. Die gespiegelte Architektur des Pavillons nutzen die beiden für zwei getrennte Präsentationen, während man im hinteren Teil des Pavillons eine gemeinsame Arbeit zeigt. Gemeinsam geschaffen haben die beiden auch jenes Magazin, das statt eines Katalogs aufgelegt wurde und das weit mehr behandelt als die künstlerischen Positionen der beiden.

Ashley Hans Scheirl, geboren 1956 in Salzburg, bespielt den linken Hauptraum des Pavillons, in den sie – wie im Barocktheater – ein begehbares Proszenium hineingebaut hat. Die flachen, hintereinander in den Raum gesetzten Kulissen ergeben eine Schichtung und führen Schritt für Schritt tiefer in den Kosmos der Künstler*in ein. „In dieser nicht-linearen Erzählung tummeln sich Körperteile und Objekte, auch der Pharma- und militärische Komplex spielt hinein“, so Scheirl im APA-Gespräch. Konkret findet sich hier etwa ein mit flauschigem Fell überzogener Panzer, der Pillen in den Raum schleudert oder das Bild „S_her’s lost it“, in dem sich Scheirl als neoliberalen Surrealisten präsentiert. In zwei weiteren großformatigen Gemälden stellt sie ebenfalls sich selbst sowie ihre Partnerin Knebl – beziehungsweise einzelne „Body Parts“ der beiden – ins Zentrum, dazwischen findet sich eine Urin-Lacke (abgesperrt mit Verkehrshütchen), an der Decke prangt ein goldener Anus. „In meinen Arbeiten geht es um Macht und Ökonomie und deren Durchdringung durch Emotionen und libidinöse Begehrensströme“, so Scheirl, die auch sogenannte „Perversionen“ wie Voyeurismus, Exhibitionismus und Fetischismus aufgreift. Ironisch überhöht präsentiert sie im hinteren, zum Garten offenen Raum auch eine eigens geprägte Goldmünze mit ihrem Konterfei.

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Bei Jakob Lena Knebl, geboren 1970 in Baden, die die rechte Seite des Pavillons bespielt, stehen mehrere in 3D-Druck gefertigte quietschbunte Skulpturen im Zentrum. Eingerahmt wird die Präsentation von einer weißen Metallkonstruktion, die vom Centre Pompidou inspiriert ist, und deren Rohre sich gegenüber auch in einem Gemälde Scheirls wiederfinden. In ihren Skulpturen beschäftigt sich Knebl „damit, wie sich Identität durch unser Begehren konstruiert“, wie sie zur APA sagte. „Dabei spielen Mensch-Ding-Beziehungen eine große Rolle sowie die Identität des Materials, der Medien und der unterschiedlichen Genres.“ In ihren hybriden Skulpturen unternimmt sie einen Streifzug durch die Design-Geschichte und verquickt diese mit ihren Selbstporträts, verführt die Betrachter mit ihren gar nicht so bösen „Body Parts“. Ins Auge sticht etwa ein Werk, bestehend aus einem S-Chair von Verner Panton sowie Elementen von Henry Moore, Botero, Henri Laurens und Robert Crumb. Damit will sie auch Autor*innenschaft bewusst hinterfragen.

Im Kontrast dazu zeigt sie auch zwei textile Arbeiten: Eine überdimensionale Stoffhand, deren Zeigefinger tiefer in die Ausstellung weist, sowie eine lebensgroße Puppe in gestreiftem Overall und überdimensionaler Uhr. In den beiden hinteren Räumen, die ebenfalls gespiegelt sind, präsentieren die beiden idente, aber gespiegelte Tapeten, auf denen 70er-Interieurs von Küchen und Wohnzimmern zu sehen sind. Es sind visuelle Räume, in denen sich die beiden selbst – bekleidet mit Teilen der Kollektion, die in Kooperation mit dem Designer Martin Sulzbacher für die Biennale entstanden ist – selbst inszenieren. Im Hof laden schließlich eine Reihe von Beton-Fauteuils von Eternit zum Verweilen ein. Somit wird der österreichische Garten in den Girardini einmal mehr zu einem willkommenen Rückzugsort im geschäftigen Treiben der Preview-Tage Biennale, in dem man das soeben Gesehene noch einmal auf sich wirken lassen kann.

Wer es nicht nach Venedig schafft, hat übrigens auch in Wien die Möglichkeit, Arbeiten der Zwei zu erleben. In einem Raum von Phileas in Wien teilen sich die Beiden, die auch als Lehrende tätig sind, gemeinsam mit ihren Studierenden aus der Transmedialen Kunst der Universität für angewandte Kunst sowie ausgewählten Positionen der Kontextuellen Malerei der Akademie der Bildenden Künste die Bühne.

(S E R V I C E – )

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