Theaterlegende Otto Schenk: „Ich habe Talentermüdung“

Otto Schenk (92), Ende Juni in seiner Wiener Wohnung © APA/Wolfgang Huber-Lang

Am 12. Juni hat Otto Schenk seinen 92. Geburtstag gefeiert – das erste Mal seit Jahrzehnten ohne seine geliebte Frau. Renée Schenk, mit der er seit 1956 verheiratet war, ist Anfang April gestorben. Doch der Theatermann Schenk, der über 70 Jahre auf der Bühne stand, ist „still standing“ – auch wenn er seinen Besuch sitzend empfängt. Gehen zähle zu den Fertigkeiten, die ihm sukzessive abhanden kämen, sagt er gleich zu Beginn eines berührenden Gesprächs.

Für wenige Tage ist der Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor trotz der herrschenden Hitze vom Irrsee in seine Wiener Wohnung zurückgekehrt. Es ist eine vertraute Umgebung, die ihm mehr als ein Zuhause bietet. Es ist seine Welt geworden, in die immer spärlicher Nachrichten von außen dringen, wie er sagt. Umso mehr freut er sich, für eine Stunde wieder arbeiten zu können. Die verabredete Plauderei mit der APA wird ein konzentriertes Interview über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Schenk ist ganz bei der Sache, formuliert bedächtig. Manchmal sitzt ihm der Schalk im Nacken, seine Augen leuchten und ein kurzes Schmunzeln zuckt um seine Mundwinkel, wenn er befriedigt feststellt, dass die gerade vorgebrachte Pointe ihre Wirkung getan hat.

Dazwischen driftet er für Momente ab. Dann sind seine Gedanken scheinbar ganz woanders. Dann herrscht kurze, einträchtige Stille zwischen den Gesprächspartnern. Und die Gewissheit, dass sein Diener Firs, mit dem er ab Dezember 2019 in „Der Kirschgarten“ im Theater in der Josefstadt zu packen wusste, sein letzter Bühnenauftritt gewesen sein wird. „Ich habe Talentermüdung“, konstatiert er. „Und es fehlen mir Werkzeuge. Ich kann nicht mehr lesen, ich kann nicht mehr gehen. Ich höre schlecht und sehe schlecht. Was wollen Sie von so einem Wrack noch so etwas Kompliziertes wie eine Vorstellung?“ Dafür, aus einem Interview eine unvergessliche Privatvorstellung zu machen, sind Talent und Werkzeuge jedoch noch bei weitem ausreichend.

APA: Herr Schenk, wie geht es Ihnen?

Otto Schenk: Das ist eine schwierige Frage. Ich gehe sehr schlecht. Das beschämt mich. Ich schäme mich dafür, dass ich so schlecht gehe, aber ich kann nichts dagegen machen. Ich bin immer so ein Läufer gewesen, wie die Kinder im Park. Es gibt kein Kind, das geht. Die laufen alle. So war ich auch – bis zu dem Moment, wo es nicht mehr geht. Das war ein Schock. So, wie alles ein Schock ist, das nicht mehr geht. Der ärgste Schock ist das Sterben von Freunden. Das ist etwas, was man im Alter gar nicht ertragen möchte.

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APA: Was geht noch? Wo können Sie sagen: Jetzt bin ich so alt geworden, aber erstaunlicherweise geht es noch.

Schenk: Na ja, Erinnerungen. Auswendig Gekonntes kann ich noch immer – mit einigen Fehlern. Ich weiß nicht warum, ich weiß nicht wozu. Ich kann ja nicht mehr lesen. Die Buchstaben tanzen. Das sind so Gebrechen, die so endgültig sind.

APA: Bekommen Sie vorgelesen?

Schenk: Das halte ich nicht aus. Das würde eine Probe werden. Ich wäre nicht zufrieden und könnte nicht zuhören. Fremdartige Betonungen landen bei mir nicht.

APA: Wie informieren Sie sich?

Schenk: Gar nicht. Oder schlampig. Das genügt. Ich lese nur schlechte Zeitungen, die ich so entblättere. Und in diesen Querstellungen dieser Zeitungen und in den Widersprüchen dieser Artikel schimmert manchmal die Wahrheit durch. Sie verraten sich mehr als sie mitteilen wollen.

APA: Vielleicht ist es besser, nicht alles mitzubekommen. Wir haben heute mit Corona, der Klimakrise und dem Krieg drei Katastrophen, die jede für sich schon genug wären. Jemand, der das genau verfolgt, wird ja von Tag zu Tag deprimierter.

Schenk: Verwirrter. Dann die Schuldzuweisungen! Die sind zwar richtig, aber nicht gerecht verteilt. Es sind viel mehr Leute schuld als angeklagt werden. Es ist ja nicht möglich, dass nur der Putin schuld ist. Er ist sicher schuld, er ist ein Schuldiger, aber doch nicht alleine.

APA: Es ist erschrockenes Aufwachen aus einer Zeit des Friedens und des Wohlstandes. Wie denkt jemand wie Sie, der das Andere auch noch erlebt hat, darüber?

Schenk: Es ist unvorstellbar. Es ist unvorstellbar, dass Städte wieder bombardiert werden. Es ist unvorstellbar, dass Menschen wieder fliehen müssen, weil sie eine andere Religion haben oder einen anderen Glauben. Oder eine andere Meinung. Ich hab mich in eine Wohnung zurückgezogen, die mir meine Frau nach meinen Wünschen erraten hat. Meine Frau konnte erraten, was ich gern habe. Diese Schale habe ich hier in Wien und auch am Irrsee. Ich kann mir so vorstellen, wie es schön ist. Glauben, dass es wirklich schön ist, kann ich nicht.

APA: Sie sprechen von Ihrer Frau, mit der Sie eine lange symbiotische Beziehung hatten. Wie geht es Ihnen seit ihrem Tod vor zweieinhalb Monaten?

Schenk: Sehr schlecht. Die Umgebung ist noch so, als wäre sie da. Aber sie selbst fehlt mir wahnsinnig. Ein Stück Leben von mir lebt nicht mehr.

APA: Welches Stück Leben von Ihnen lebt noch?

Schenk: Das ist nicht zu definieren. Das weiß ich nicht einmal genau.

APA: Ist sie für Sie weiter präsent? Reden Sie mit ihr?

Schenk: Dazu bin ich zu sehr Schauspieler, als dass ich nicht weiß, dass sie nicht da ist. Aber ich rede schon… Die Gedanken reden mit ihr.

APA: Redet sie zurück?

Schenk: Na, reden tut sie nicht. Anwesend ist sie. Sie hat ja nicht viel geredet. Ihr ganzes Leben war eine Anweisung. Diese Anweisung besteht noch. „Warum macht’s des net?“, „Möchtest Du dort hin?“ – „Nein“ – „Fahren wir aufs Land?“ – „Ja“ – „Wann?“ – „Morgen.“ So schnell waren Entscheidungen gefällt. Gereist sind wir nur zwangsläufig, das allerdings sehr viel. Ich hab die Welt nur arbeitend kennengelernt. Mir war völlig peinlich, irgendwohin zu fahren, wo ich nichts zu tun gehabt habe. Und wenn ich wo etwas zu tun gehabt hab, bin ich sofort in eine ungeheure Assimillianz gefallen. Ich wurde New Yorker mit Fleisch und Blut. Oder Mailänder.

APA: Wenn jetzt keine Anweisungen von Ihrer Frau kommen, könnten Sie ja nun mehr Sie selbst sein.

Schenk: Meine Frau hat sich in mein Leben nicht eingemischt. Aus meinem künstlerischen Leben hat sie sich herausgehalten. Und ein anderes Leben hat mich nicht interessiert. Ich bestehe nur aus Theatereigenschaften. Das heißt, ich bin mein ganzes Leben beobachtend gewesen, nachmachend, aber nachmachend in allen Details. Ich war Handlungsreisender in Detaillistik. Ob ich gespielt oder Regie geführt habe – ich hab immer nur Details, die zum Glauben-Machen gehören, begeistert aufgenommen und verbreitet und Ansteckungen hervorgerufen bei meinem jeweiligen Ensemble, bei meinem jeweiligen Partner oder bei mir selber. Ich bin ansteckend nur für die Wirklichkeit, die Wahrhaftigkeit – das ist nicht immer identisch.

APA: Ihr Gedächtnis funktioniert also noch. Könnte Sie das nicht doch noch zurück auf die Bühne führen?

Schenk: Nein. Ich möchte nichts Realistisches mehr. Dazu fehlt mir die Begleitung meiner Frau. Ich habe ohne sie nichts erlebt. Und ich fühle mich nicht fähig, etwas zu erleben, wenn es sie nicht mehr gibt.

APA: Das schließt für Sie auch die Bühnenpräsenz ein?

Schenk: Bühnenpräsenz gibt es überhaupt keine mehr. Wenn man nicht mehr gehen kann, kann man nicht Theater spielen. Ich brauche soviel Körperliches für die wahrhaftige Darstellung. Ich brauche eine Stimme, die funktioniert. Meine Stimme funktioniert aber nicht mehr so wie früher. Sie ist nicht mehr theaterfähig, nicht mehr mitteilungsfähig. Ich wäre zu leise, wenn ich Theater spiele.

APA: Der Firs war Ihr endgültiger Abschied?

Schenk: Es war schon eine Verführung, ihn zu spielen.

APA: Im Rollstuhl sitzend kann man ihn nicht spielen?

Schenk: In dem Gelände, in dem das spielt – und dieses Gelände war sehr wichtig, dieses Bühnenbild, dieser Käfig, dieser Zwitscherkäfig – dieses Gelände zu begehen, dazu bedarf es zumindest eines guten Fußes. Das hab ich damals mit einigen Tricks, die man vielleicht gar nicht bemerkt hat, versucht zu bewältigen. Das Ensemble war von einer derartig rührenden Hilfe und Verehrung, einer verehrenden Hilfe, dass ich die Rolle gar nicht gespielt habe, – sie hat sich ergeben. Ich habe auch gar keinen Text gehabt – ich musste aber ununterbrochen reden, das steht in der Anweisung. Ich habe also ganze Bände gesprochen…

APA: Es ist aber doch eine wunderschöne Abschiedsrolle?

Schenk: Ja, und ich war umgeben von einem Ensemble von hoch begabten Schauspielern.

APA: Kommen Ihnen Bühnenmomente, Fragmente von Auftritten und Rollen, immer wieder ins Gedächtnis?

Schenk: Ja, das ist unvermeidbar. Aber sehr viele sind vergessen. Es hält sich die Waage.

APA: Was kommt besonders häufig in Ihr Gedächtnis zurück?

Schenk: Das kann ich nicht sagen. Es ist fast abrufbar.

APA: Sind das vor allem selbst gestaltete Momente oder auch Momente des Applauses, des Gefeiert-Werdens?

Schenk: Das Gefeiert-Werden war immer nur eine seltsame Zulage, mit der ich nicht gerechnet habe. Ich selber hab mich nicht gefeiert. Ich war immer weniger begeistert von mir als die Leute, eher leicht unzufrieden. Daher war für mich eine Begeisterung von außen immer eine leichte Beschämung. „Tuat’s eich nix an!“ Ich hätte gerne meinen Rühmern gleich widersprochen und hab es aus Taktgründen unterlassen.

APA: Aber Sie haben schon das Gefühl, dass in Ihrem künstlerischen Leben viel aufgegangen ist, oder?

Schenk: Erstaunlich viel. Beschämend viel. Wenn das Publikum nur aus Schenks beständen wäre, hätte ich keine Karriere gemacht. Es war mein Ehrgeiz, die nächste Aufgabe, den nächsten Satz, die nächste Stellung, die nächste Farbe möglichst wichtig zu nehmen und möglichst glaubhaft zu gestalten. Ich hatte so einen Papagei in mir, der gehorcht hat, ob der Satz sprechbar ist, und zwar so sprechbar wie der, den ich bestrebt war darzustellen, ihn sprechen würde. In diesem ständigen Wunsch das Nächstbeste zum Besten zumachen, hab ich mein Leben lang gearbeitet. Nicht im Hinblick auf Karriere, sondern: Der nächste Satz, der nächste Schritt ist wichtig. Dabei habe ich Zeit verschwendet, Gegenden nicht bedient, Städte nicht besucht, Länder geschwänzt.

APA: Aber Sie haben ja unglaublich viel gemacht! Theater inszeniert und gespielt, Lesungen gegeben, Opern inszeniert…

Schenk: Die Musik war meine große Retterin und Helferin. Ich konnte ja Noten und Partituren nicht so lesen, dass ich sie höre, wenn ich sie lese – das können übrigens die wenigsten, auch Dirigenten können das manchmal nicht. Aber ich hab immer gewusst, was sie meint, die Musik, die mir zur Verfügung stand. Und hab sofort alles geändert, wenn es anders geklungen hat, hab auf die Klarinette geantwortet mit gefühlsverräterischen Bewegungen – und es wurde so eine musikalische Inszenierung, wie man das einschränkend genannt hat. Die Musik war eine Begleiterin und eine Forderin. Ich konnte nicht mehr nur Theater machen. Es hat mir etwas gefehlt. Ich habe bemerkt, dass die Sänger eigentlich den richtigeren Zugang zur Wahrhaftigkeit haben als die Schauspieler, in dem sie das Wie wichtiger nehmen als das Was. Die Wahrheit verrät sich nur am Wie. Meine Großmutter hatte, wenn man ihr erzählt hat, der und der hat das und das gesagt, immer gefragt: Wie hat er das gesagt? Das Was war ihr wurscht, das Wie war ihr wichtig.

APA: Die Theater haben heute damit zu kämpfen, das Publikum wieder zu erreichen. Nach den Lockdowns haben die Menschen offenbar keine allzu große Lust auf Theater.

Schenk: Gutes Theater ist eine seltene Ausnahme. Und eine Sucht nach gutem Theater ist eine unstillbare Sucht. Natürlich werden immer Ausreden erfunden. Irgendeine Ausrede, nicht ins Theater zu gehen, gibt es immer. Es gibt aber in allen diesen Perioden inklusive der jetzigen Publikumserfolge. Da muss man schauen: Woran liegt es? Man darf nicht nur das Neue wollen, sondern man muss schauen, ob in dem alten Haufen nicht auch etwas steckt.

APA: Woran liegt es, dass gutes Theater so selten ist?

Schenk: Weil das schauspielerische Talent so missbraucht wird. Jeder Werbung muss von Schauspielern gespielt werden. Dafür werden Talente gesucht, die irgendeinen Schmäh schnell können. Am Ende wird dann gar nichts gut gespielt. Schon die Wetternachrichten werden schlecht gesprochen, oder jedenfalls nicht so gut, wie es sein müsste. Wissen Sie, wie schwer es ist, eine Wetternachricht sensationell zu spielen? Es regt uns doch jeden Tag auf, das Wetter. Man müsste schon in den Nachrichten das Wetter so schildern, dass es dich aufregt.

APA: Ist die Trefferquote, die Anzahl der Momente des Glücks und der Wahrhaftigkeit, im Theater kleiner als in anderen Kunstformen?

Schenk: Darüber hab ich noch nie nachgedacht. Mir war die Trefferquote zu unwichtig. Mir war der Treffer der nächsten Aufgabe wichtiger als der Treffer im Ganzen. Und das ist sehr oft glücklich ausgegangen. Beschämend glücklich.

APA: Sie fahren bald wieder an den Irrsee. Wie schaut Ihre weitere Vorstellung von Glück für Sie aus?

Schenk: Ich habe die Arbeit eingestellt. Ich führe nur mehr Rückzugsgefechte. Ich will nicht mehr Theater spielen. Mein Talent, das durchzusetzen, was ich kann, ist mir zu gering. Ich habe Talentermüdung. Und es fehlen mir Werkzeuge. Ich kann nicht mehr lesen, ich kann nicht mehr gehen. Ich höre schlecht und sehe schlecht. Was wollen Sie von so einem Wrack noch so etwas kompliziertes wie eine Vorstellung? Ich kann ein kurzes Gespräch retrospektiv mit Ihnen führen, das dann in irgendeinem Archiv landet und hoffentlich nicht gesendet wird…

APA: Herr Schenk, gibt es noch Momente privaten Glücks für Sie?

Schenk: Privates Glück ist, wenn mir Menschen noch zuhören. Und wenn ich noch Menschen zuhören kann, die mich mit ihren Details begeistern. Und das gibt es hin und wieder noch. Hie und da leuchtet ein Licht. Das muss ja nicht immer der Sonnenaufgang in Mexiko sein.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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