Theatrale „Klage gegen die Republik“ in Wien

Alireza Daryanavard führt Regie © APA/Werk X-Petersplatz/Isa Heliz

Eine fünftägige „Klage gegen die Republik“ erhebt sich am Montag mit dem Theaterprojekt „Asyl Tribunal“: Der öffentliche Gerichtsprozess des Theaterkollektivs Hybrid widmet sich darin in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz auf dem Wiener Judenplatz „aktuellen Problemlagen“ im heimischen Asylrecht. Der Eintritt ist frei, für Simultanübersetzung ins Arabische und Farsi/Dari ist gesorgt.

„Dieses radikale Format muss allen zugänglich sein“, erläutert Regisseur Alireza Daryanavard im APA-Gespräch. Der Text sowie die Rechtsberatung stammen vom Juristen Ronald Frühwirth, für Recherche und Dramaturgie zeichnet die Menschenrechtsaktivistin und Theaterschaffende Mahsa Ghafari verantwortlich. Verhandelt werden reale, aber anonymisierte Fälle, als Zeuginnen und Zeugen treten u.a. Aktivisten auf, die etwa von ihren Erfahrungen an Grenzen berichten. Auch aus dem Publikum soll es möglich sein, sich aktiv an der Verhandlung zu beteiligen.

„Zwar ist Österreich zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) verpflichtet, doch die Republik Österreich steht aktuell unter dringendem Verdacht, wesentliche Grundrechte von Asylberechtigten zu missachten“, heißt es in der Ankündigung der Produktion, die der aus dem Iran stammende Regisseur und Performancekünstler Daryanavard auf die Bühne im öffentlichen Raum bringt.

Der Auftakt findet am Weltflüchtlingstag (20. Juni) statt und beginnt mit Plädoyers der klagenden wie der beklagten Seite, inhaltlich steht die Bedeutung des Schließens der „Westbalkanroute“ für die Einleitung des theatralen Verfahrens im Zentrum. Am 22. Juni geht es am zweiten Prozesstag um das Aussetzen von Resettlementprogrammen sowie das Erschweren von Familienzusammenführung und illegale Push-Backs an den Grenzen. Tag 3 verhandelt die ungleiche Behandlung von Schutzsuchenden aus der Ukraine sowie die Erfahrungen von rassistischer Gewalt gegenüber „als nicht weiß gelesenen Flüchtlingen ohne ukrainischen Pass“, wie Daryanavard erläutert.

„Mit dem Umgang mit Ukrainerinnen und Ukrainern ist uns noch klarer geworden, wie strukturell der Rassismus praktiziert wird“, so Dramaturgin Ghafari, die festhält, dass es hier nicht darum geht, Flüchtlinge gegeneinander auszuspielen. „Wir finden den einfachen Weg für Ukrainer gut, wollen aber die Frage stellen, warum diese Regelungen nicht für alle gelten können. Ein Mensch ist schließlich ein Mensch.“ Die Unterscheidung von Flüchtlingsgruppen seitens der Politik nennen die beiden „sehr perfide“, die „pseudorationale Argumentation ist absolut nicht haltbar“.

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Bevor am Samstag nach den Schlussplädoyers die Urteilsverkündung ansteht, widmet man sich am Freitag „Missständen und Verstößen der Behörden“ etwa bei Methoden zur Altersfeststellung bei Minderjährigen oder die Praxis der ersten Befragung zu Fluchtgründen durch die Polizei. Für alle, die nicht vor Ort dabei sein können, überträgt Okto TV alle fünf Verhandlungstage, auch eine Bundesländertour in abgespeckter Version ist im Gespräch.

Bei der Rolle der beklagten Republik habe man bei der Konzeption darauf geachtet, „nicht ein vereinfachtes Schwarz-Weiß-Bild zu zeichnen, sondern wirklich auch mit dem Ernst der Argumente zu arbeiten, die Regierungsvertreter bisher gebracht haben“, so die beiden. „Wir wollen die Regierung nicht einfach an den Pranger stellen.“ Aufgrund der dargebrachten Argumentationen könne das Publikum selbst entscheiden, was davon zu halten sei.

Apropos Publikum: Eine Petition zum Thema des Theaterstücks hat bereits 4.000 Unterschriften erzielt. „Wir haben gesehen, dass das, was wir auf die Bühne bringen, in der Realität möglich sein kann.“ Im Anschluss will man die Petition der EU-Kommission vorlegen.

„Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik“ von Theaterkollektiv Hybrid in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz, Premiere am 20. Juni, 19.30 Uhr, weitere Termine: 22. bis 25. Juni am Judenplatz sowie live auf Okto.tv. Petition: mein.aufstehn.at

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