„Thérèse Raquin“: Mörderische Leidenschaft in der Kammeroper

Zum Ausklang des Jahres packt die Wiener Kammeroper nochmals aus, was sie zu bieten hat – und das dampft vor Sex und Gewalt. Christian Thausing hat die „Thérèse Raquin“ des US-Komponisten Tobias Picker am Donnerstagabend als klaustrophoben Einblick in ein Beziehungsdreieck inszeniert, dessen Spitzen aus der Sehnsucht nach Freiheit, Mord und erotischer Anziehung bestehen. Da hat sich im Lockdown so manches aufgestaut.

Der heute 67-jährige Picker hatte sich im Jahr 2000 Emile Zolas gleichnamigen Roman über die unglücklich verheiratete Thérèse Raquin, die mit ihrem Liebhaber den Ehemann tötet und letztlich an der Schuld zerbricht, als Ausgangspunkt für seine Oper genommen. Christian Thausing greift in seiner Regiearbeit nun zu beinhartem Naturalismus, der die „Raquin“ beinahe in Richtung des Verismo hebt. Und doch belässt der Steirer das Geschehen nicht im 19. Jahrhundert, sondern transponiert dieses in das trostlose Ambiente eines ländlichen US-Haushalts. Bis ins Detail ist die Ausstattung sattsam bekannten Einrichtungen amerikanischer Küchen nachempfunden und wird einzig durch gezielt gesetzte Farbakzente streckenweise abstrahiert.

Hierbei traut sich der Theatermacher, kleine Elemente zu adaptieren wie die Ermordung des Ehemanns Camille, die nicht in der Seine, sondern stimmiger in einer Badewanne erfolgt. Und Thausing scheut sich nicht, das Gefühl des Gefangenseins im Dasein in für die Opernbühne wilden Sexszenen kulminieren zu lassen. So groß das Leid der Figuren, so groß die Penisprothese des mörderischen Liebhabers Laurent.

Mit diesem vordergründigen Hyperrealismus gelingt Thausing eine erstaunliche Unmittelbarkeit der Wirkung, eine theatrale Qualität der Nähe, die in der Oper selten zu finden ist. Dies verdankt sich nicht zuletzt einer durchwegs guten Darstellerriege. Diese rekrutiert sich nicht nur aus Mitgliedern des Jungen Ensembles wie Andrew Morstein als kränkelnd, tenoral leicht geführtem Camille oder Timothy Connor als wuchtigem Bariton Laurent, sondern auch aus der Einspringerin Julia Mintzer in der Titelpartie. Ungeachtet der kurzen Einarbeitungszeit gelingt der US-Amerikanerin eine darstellerische Glanzleistung als im Leid watende Thérèse.

Somit dürfte die Wiener Inszenierung ganz im Sinne von Tobias Picker sein. „Geschichten, die mich interessieren, bersten geradezu über von Gefühlen“, umriss der Komponist im APA-Gespräch seinen Ansatz. Und dafür hat er mit der „Thérèse Raquin“ eine Gebrauchsmusik im besten Sinne einer extrem praxistauglichen Musik geschaffen, in der Jonathan Palmer Lakeland am Pult Musical oder Filmmusik anklingen lässt, bevor im 2. Akt vor allem in den Streichern der Bruch zu größerer Dissonanz erfolgt, schmeichelnde Melodiefragmente hintangestellt werden. Und am Ende ist klar, dass auch auf der Figurenebene jegliche Harmonie verloren gegangen ist – und das Streben nach Freiheit durch Gewalt ad absurdum geführt wird.

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(S E R V I C E – „Thérèse Raquin“ von Tobias Picker in der Kammeroper, Wien 1, Fleischmarkt 2, Musikalische Leitung des Wiener Kammerorchesters: Jonathan Palmer Lakeland, Regie: Christian Thausing, Bühne: Christoph Gehre. Mit Thérèse Raquin – Julia Mintzer, Camille Raquin – Andrew Morstein, Madame Raquin – Juliette Mars, Laurent – Timothy Connor, Suzanne – Miriam Kutrowatz, Olivier – Ivan Zinoviev, Monsieur Grivet – Hyunduk Kim. Weitere Aufführungen am 18. Dezember sowie am 10., 13., 17. und 20. Jänner 2022. )

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