Thomas Bernhard: Über das Leben an seiner Seite …

Thomas Bernhard, Weltschriftsteller aus der Provinz, hätte am 9. Februar seinen 90. Geburtstag. Dieser Tage ist von Peter Fabjan, Bernhards (Halb-)Bruder, „Ein Leben an der Seite von Thomas Bernhard. Ein Rapport“ (Suhrkamp) erschienen. Fabjan schreibt mit dem nüchternen Blick des Arztes über die schwierige Zuneigung zum Distanzkünstler, Bernhards Lebensmenschen und die Prügel, die Leben und Menschen austeilen.

Thomas Bernhard © Andrej Reiser/Suhrkamp Verlag

Eine frühe Erinnerung Peter Fabjans, es ist Krieg, die Familie lebt damals in Traunstein (Oberbayern, knapp 40 Kilometer nach Salzburg): „In hellrot erleuchteter Nacht trägt der sieben Jahre ältere Thomas mich nach einem Bombenalarm zwischen umherfliegenden, brennenden Trümmern und durch Gestank über den Taubenmarkt in den gegenüberliegenden, mit Holzstämmen gepölzten Bräuhauskeller voller Bierfässer, Mutter mit Schwester hinter uns her.“

Peter Fabjan wird 1938 geboren, seine Schwester Susanna 1940. Beider Halbbruder Thomas Bernhard erkrankt 1948 an einer lebensbedrohlichen nassen tuberkulösen Rippenfellentzündung. Der Arzt Peter Fabjan wird Bernhards medizinischer Berater, sein „Chauffeur“, wie Fabjan es nur halb im Scherz nennt, und Begleiter auf Reisen.

1984 stirbt Bernhards „Lebensmensch“ Hedwig Stavianicek. Bernhard ist zu Tode betrübt, er wird ihr in „Alte Meister“ ein literarisches Denkmal setzen. Fabjan erlebt die großbürgerlichen Bekanntschaften Bernhards als eine Art Parallelwelt, zu Stavianicek schreibt er: „Der gesellschaftliche Abstand bleibt zu groß. Bis in die späten Sechzigerjahre spricht sie mich in der dritten Person an, wie es in ihren Kreisen dem Personal gegenüber üblich ist.“

Das „Gernhaben“

Nach dem Tod Stavianiceks sagt Bernhard zu Fabjan: „Jetzt brauch ich dich!“ Und so sei er, Fabjan, dem Bruder „in Zuneigung in seinen letzten fünf Jahren gefolgt, untertags in der Ordination, abends und jedes Wochenende bei ihm“. 1988 begleitet die Schwester Susanna den todkranken Bernhard auf seiner letzten Auslandsreise und steht ihm immer wieder in seinen letzten Tagen bei. „Die Susi muss man gernhaben“, sagt Bernhard damals.

Das „Gernhaben“ ist eine verzwickte Sache, im Fall Thomas Bernhards mithin ein Auslöser für Weltliteratur. Bernhard, der Übertreibungskünstler, ist auch Distanzkünstler. Fabjan: „Die Schwester und ich erlebten ihn als den in eine ferne Welt entrückten, uns in Zuneigung wie Distanzbedürfnis verbundenen Bruder. Unsere Zuneigung durften wir ihm nicht schenken, sie wurde verlangt und musste ein Leben lang bewiesen werden.“

Ein eklatanter Mangel an, ja die völlige Abwesenheit von Urvertrauen durchziehen Bernhards Werk. Sublimation durch Kunst, um diese Lücke, die ein Abgrund ist, zu füllen. Mit der gebotenen Nüchternheit des Arztes schlüsselt Fabjan in seinem „Rapport“ (Bericht) die wesentlichen Bezugspersonen Bernhards auf. Er zitiert die Mutter, Herta Paula Fabjan, die in einem Brief über Thomas schrieb: „… sie fühle, dass das wenige Monate alte Kind — sie hatte es, um für ihren Vater Geld verdienen zu können, in ein Pflegeheim gegeben — sie ,vorwurfsvoll’ ansehe, wenn sie es besuche.“

Herta, 1904 geborene Bernhard, arbeitet in den 1920ern „unter zumeist rücksichtslos erniedrigenden Umständen“ (Fabjan) in der Schweiz als Haushälterin. Endlich zurück bei den Eltern in Wien, die materielle Not weiterhin drückend, eine traurige Anekdote: In der Straßenbahn lädt der Ballettchef der Staatsoper Herta spontan zum Vortanzen ein. Sie beginnt auch eine Ausbildung, hält aber das Training nicht lange durch, weil sie unterernährt ist.

Herta lernt den Zimmermann Alois Zuckerstätter kennen. Sie wird von ihm schwanger, fürchtet die Vorhaltungen ihres Vaters und sucht Zuflucht bei einer Freundin in Holland. Alois lässt sie im Stich, am 9. Februar 1931 bringt Herta in Heerlen in einem Entbindungsheim für ledige Mütter Nicolaas Thomas zur Welt. Um arbeiten zu können, gibt sie den Säugling in ein Pflegeheim, zuletzt in Rotterdam zu einer Fischersfrau auf einer Gracht. „Nach einem halben Jahr schließlich übergibt sie das Kind ihren überglücklichen Eltern in Wien“, so Fabjan.

Der kleine Thomas sieht seinem leiblichen Vater immer ähnlicher, was die Mutter regelmäßig erzürnt. Der Schriftsteller („Bei der geringsten Gelegenheit griff sie zum Ochsenziemer“) rechnet später in seiner Autobiografie ab: „Tatsächlich hatte sie mir immer das Gefühl gegeben, dass ich ihr zeitlebens im Weg gestanden bin, dass ich ihr vollkommenes Glück verhindert habe.“

Herta heiratet 1936 in Seekirchen den Wiener Friseurgesellen Emil Fabjan, Thomas Bernhard verübelt ihm bis ans Lebensende die Strenge und Gefühlskälte in Kinderjahren. Peter Fabjan über die Familie: „… körperliche Nähe spielte keine Rolle. Und doch gaben Mutters Fürsorge und, war er zugegen, Vaters Robustheit mir und meiner Schwester Susanna ein Gefühl von Sicherheit, ihm, Thomas, nicht.“ Die Familie zieht nach Traunstein, Hertas Eltern, Anna und Johannes Freumbichler, kommen nach.

Und endlich ist der Name gefallen: Johannes Freumbichler. Wesentliche Folie für den „Geistesmenschen“ in Bernhards Werk, „mein großer Erklärer, der erste, der wichtigste, im Grunde der einzige“ (Bernhard in „Ein Kind“).

„Gesellschaftsrevoluzzer“

Freumbichler ein „Gesellschaftsrevoluzzer“ (Fabjan), der um 1900 aufrührerische Ideen wie jene vom „Joch der Ehe“ trommelt. Das wirkt, Anna Bernhard verlässt ihren Mann und zwei Kinder, zieht im Februar 1904 zu Freumbichler nach Basel.

Der Familienlegende nach sagte sie zu ihm: „Mit deinem Kopf und meinen Händen schaffen wir das Leben!“ Dennoch kriselt die Beziehung öfter, der Dichter Freumbichler verweigert beharrlich schnöde Lohnsklaverei.

Die Familie himmelt den Dichterfürst in spe an. Nach dem Tod Freumbichlers 1949 berichtet seine Tochter Herta ehrfurchtsvoll, „sie sehe den Verstorbenen, sobald sie die Tür zu seinem Zimmer öffne, leibhaftig am Schreibtisch sitzen und entschuldige sich, ihn beim Schreiben zu stören“. Freumbichler blieb eine größere Leserschaft versagt, 1937 erhielt er den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur (Förderungspreis). Fabjans Analyse: „… anders als seinem Enkel Thomas waren ihm die Voraussetzungen für einen wahren Erneuerer in der Dichtung nicht gegeben; bäuerlicher Stolz und Eigensinn, ja Sendungsbewusstsein verdrängten weitgehend Selbstzweifel. Erfolglosigkeit betrachtete er als ein ihm schicksalhaft auferlegtes Leiden.“

Freumbichler wird am Friedhof Maxglan in einem Ehrengrab des Landes Salzburg beigesetzt. Die Kirche hat Bedenken wegen seiner vierzigjährigen „wilden Ehe“ mit Anna und der nur standesamtlich erfolgten Heirat. Sein Sohn Harald reagiert mit der Drohung, dem Erzbischof die Leiche auf die Stufen seines Palais zu legen. Thomas Bernhard stirbt am 12. Februar 1989. Davor hat er doch noch seinen Nachlass geregelt: „Der Notar fragt ihn, ob er tatsächlich sein Land mit einem Aufführungsverbot für 70 Jahre brüskieren wolle. Er besteht darauf. Zurück in Gmunden, muss er das bestellte Essen zurückgehen lassen.
Kurz darauf verstirbt er in seiner Gmundner Wohnung mit mir an seiner Seite. Es genügt ein Loslassen, um sein Leben binnen eines Tages und einer Nacht enden zu lassen.“

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