Tiroler Plansee rechnet mit zwei Mrd. Umsatz 2021/22

100 Jahre nach Gründung rechnet die Plansee Gruppe, ein weltweit tätiger Hochleistungswerkstoffhersteller mit Sitz in Breitenwang (Bezirk Reutte), mit einer signifikanten Umsatzsteigerung im laufenden Geschäftsjahr. Man komme „in die Größenordnung von zwei Mrd. Euro“, prognostizierte Vorstandssprecher Karlheinz Wex im APA-Interview. Grund dafür sei die Mehrheitsübernahme an der „Ceratizit“ im März. Die restlichen Anteile sollen innerhalb der nächsten Jahre übernommen werden.

„Früher oder später wird das passieren, es hängt nun an vertraglichen Bedingungen“, bestätigte Wex die Absicht des Unternehmens. Es gäbe auch „immer Ideen zu weiteren Übernahmen“. Über finanzielle Details sowie den Umfang der übernommenen Anteile an der Luxemburger „Ceratizit“, an der Plansee bis dato zu 50 Prozent beteiligt war, wurde Stillschweigen vereinbart. Die Vorteile der Mehrheitsübernahme ließen sich aber nicht auf die erwartete Umsatzsteigerung reduzieren, so Wex. Plansee hatte im vergangenen Geschäftsjahr 2020/2021 Umsatzeinbußen von sechs Prozent verbucht, womit sich der Umsatz von 1,38 Mrd. Euro im Vorjahr auf 1,29 Mrd. Euro verringerte.

„Die große Chance, die sich durch die Mehrheitsübernahme ergeben hat, war eine Neuausrichtung des gesamten Set-ups der Plansee Gruppe“, erläuterte der Vorstandssprecher. Aus drei seien zwei operative Divisionen geworden, klassische Unterstützungsfunktionen seien nun „gruppenübergreifend etabliert“ und durch „positive Synergien“ habe man „mehr Wachstumsfantasien hineingebracht“. Die Neustrukturierung sei mittlerweile abgeschlossen. Es sei zu keinem Personalabbau gekommen.

Plansee verarbeitet zwei Werkstoffe – Wolfram und Molybdän. Die Plansee Gruppe deckt schon jetzt mit ihren Unternehmen und Beteiligungen alle Herstellungs- und Verarbeitungsstufen dieser beiden Metalle ab. Dass man die Wertschöpfungskette kontrolliere, sei ein Wettbewerbsvorteil und ermögliche größere Unabhängigkeit vom Weltmarkt, merkte Wex an. So sei etwa die Versorgung mit Wolfram ein „strategisches Thema“, da dieses Rohmaterial zu 80 Prozent in China vorkomme. Früh habe man bei Plansee deshalb mit einer „Rückwärtsintegration“ begonnen, und auch auf das Thema Recycling gesetzt.

„Hier war Plansee Front-Runner“, betonte Wex, die meisten hätten vor zehn, 20 Jahren nur an Vorwärtsintegration – also die Übernahme nachgelagerter Fertigungsstufen – gedacht. Der Anteil an recycelten Material betrage bei Wolfram heute 83 Prozent. Die Produkte, die daraus entstünden seien „genauso hochwertig“, betonte der Vorstandssprecher: „Nicht wie Papier, das nie mehr blütenweiß wird“. Aber: „Recyceltes Wolfram verhält sich anders als frisches, es braucht viel Abstimmung und Know-how“, unterstrich Wex.

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Durch die Rückwärtsintegration und die Beteiligung an der chilenischen Molymet, dem weltgrößten Hersteller von Molybdän, sei die Rohstoffversorgung vorerst abgesichert, versicherte Wex. Dennoch bekomme man aktuelle globale Entwicklungen, wie etwa die coronabedingte Logistikkrise, „selbstverständlich zu spüren“. „Viele glauben, man kann einfach abbremsen und dann wieder Vollgas geben, so einfach ist das aber nicht“, befand Wex. Die Logistikkrise werde „sicher noch ein halbes bis dreiviertel Jahr dauern“, er glaube aber an die „Selbstheilungskraft der Märkte“ und sei „nach wie vor ein Verfechter der Globalisierung, denn sie bringt uns Wohlstand“.

Die Plansee Gruppe produziert 75.000 verschiedene Produkte, darunter auch einige für Kunden „erfolgskritische“ Bauteile – wie etwa eine komplexe Drehanode, die in der Medizintechnik zum Einsatz kommt. „Egal wo in der Welt Sie in einem Computertomografen liegen – die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem ein Bauteil von Plansee integriert ist, liegt bei über 50 Prozent“, sagte Wex nicht ohne Stolz. Im diversen Produktportfolio sah Wex auch die Vision des Firmengründers Paul Schwarzkopf bestätigt, der schon 1921 „viele tausende Anwendungen“ für Wolfram und Molybdän prognostiziert hatte.

Die Komplexität des Produktportfolios sei über „Fokussierung der Standorte auf bestimmte Produktgruppen“ zu bewältigen, ließ Wex wissen. Die Produktion bezeichnete er als „sehr agil“, doch Anforderungen und Erwartungen würden steigen – vor allem im Hinblick auf die Lieferzeit. Hier stoße das Unternehmen teilweise an Grenzen: „Schließlich produzieren wir Hardware und keine Software, die man einfach vervielfältigen kann“, meinte der Wirtschaftstreibende.

„Unser strategischer Ansatz ist es, in allem was wir tun, die Nummer eins, zwei oder drei zu sein. Das schaffen wir in 75 Prozent der Fälle“, beschrieb Wex den Status quo. Mittel- bis langfristig wolle man die Marktführerschaft in noch mehr Feldern erreichen und sich „schneller entwickeln als der Wettbewerb“.

Nachholbedarf ortete der Vorstandssprecher im Bereich der Zerspanung und Herstellung von Werkzeugkomponenten. Bei den Hartmetallen wolle man noch Marktanteile dazugewinnen. Dies falle in den Handlungsbereich der Luxemburger „Ceratizit Group“.

Was ihn derzeit auch bewege, meinte Wex, sei das Thema Bildung. Es gebe immer weniger junge Menschen und das Ausbildungsniveau sinke, beobachtete der Vorstandssprecher. Von 130 Bewerbern für eine Lehre bei Plansee hätten sie nur 37 statt geplant über 50 nehmen können, weil die meisten die Anforderungen schlicht nicht erfüllt hätten. MINT-Fächer müssten wieder forciert werden, und zwar schon ab dem Kindergarten, appellierte Wex abschließend.

(Das Gespräch führte Maria Retter/APA)

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