Tischtennis-Profi Liu Jia: „Gelernt, dass weniger manchmal mehr ist“

Auch die Corona-Krise konnte dem positiven Gemüt von „Susi“ Liu Jia (38) nichts anhaben

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Sofern der Körper mitmacht und die Leistung passt, wird „Susi“ 2021 an ihren sechsten Olympischen Spielen teilnehmen.
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Sofern der Körper mitmacht und die Leistung passt, wird „Susi“ 2021 an ihren sechsten Olympischen Spielen teilnehmen. © AFP/Mabromata

„Danke mir geht’s sehr gut. Aber ich bin viel zu viel zuhause“, lacht es mir aus dem Telefonhörer entgegen, wie noch recht häufig im Laufe des Gesprächs mit der „Grande Dame“ des heimischen Tischtennis, der Linzerin Liu Jia.

Bei so viel Frohsinn, den „Susi“ schon durchs Handy ausstrahlt, ist es doppelt schade, die Unterhaltung dank des Coronavirus aus der Ferne führen zu müssen. Noch dazu, wo die Nachricht der Regierung, dass Training für Österreichs Top-Sportler ab dieser Woche zumindest unter strengen Auflagen wieder möglich ist, für Licht am Ende des Tunnels gesorgt hat.

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Neuer „Job“

„Früher war es ganz normal, hat man sogar oft gejammert, dass man schon wieder trainieren muss.“ Ja, wie viele von uns, lernen auch die Profisportler in Zeiten der Krise die alltäglichen Dinge wieder richtig zu schätzen.

„Ich glaube, die Menschen haben gelernt, dass manchmal weniger mehr ist, dass sie auch mit weniger Ressourcen gut leben können“, versucht „Susi“, ganz ihrem Naturell entsprechend, die positiven Seiten hervorzuheben. „Früher war ich immer auf 280, in einem Hamsterrad.“ Sport auf Top-Niveau, Teilzeit-Job im Büro (derzeit Home-Office) und Mutter — die Entschleunigung tut gut, die Blessuren an Knie und Schulter sind ausgeheilt.

Wie sich aber bald herausstellt, fand der Sportler-Beruf rasch einen Ersatz — nämlich jenen als Lehrerin für ihre Tochter Anna (8). „Das ist furchtbar“ — und schallendes Gelächter tönt durch Telefon. Nicht immer sei sie einer Meinung mit ihrem Spross. Da können wohl viele Eltern in der aktuellen Phase ein Lied davon singen. Apropos: Wenn der Boden im Linzer Lissfeld erzittert, dann tanzen „Susi“ und Anna wahrscheinlich wild durch Haus. „Oh, wir tanzen sehr viel, ja“, strahlt Liu Jia — das läuft dann harmonischer ab, wie so manche Lernstunde. Dass der Spaß zuhause nicht zu kurz kommt, zeigen auch Videos auf Social Media. Ihr Ehemann David fordert „Susi“ bei einer Tischtennis-Variante über drei Tische im Wohnzimmer — Prädikat sehenswert.

Herz über Kopf

Wann die Europameisterin von 2005 wieder in den Trainingsalltag einsteigt, ist noch offen, wann sie von Ihresgleichen im Wettkampf gefordert werden kann, steht in den Sternen. Die Olympia-Verschiebung hat die Karriere der 38-Jährige nach heutigem Stand jedenfalls um eineinhalb Jahre verlängert. Ein Thema, dem sie „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ begegnet. „Ich hab mich so auf den Stichtag gefreut, vier Jahre lang darauf hingearbeitet“, seufzt Liu Jia, „ein Jahr weiterzumachen, ist verdammt lang.“ Es sei extrem hart für Kopf und Körper, sie müsse natürlich Leistung bringen. Aber wie so oft gilt hier wohl: Herz über Kopf. Es werden in Tokio ihre bereits sechsten Olympischen Spiele sein.

Wie aus „Susi“ der „Professor“ wurde

„Wenn ich für die Mannschaft etwas beitragen kann, werde ich fix dabei sein.“ Der neue ÖTTV-Damen-Bundestrainer David Sargsyan ist jedenfalls davon überzeugt, taufte sie auf „Professor“ um. „Er sagt immer, ich wäre blöd, wenn ich aufhören würde. Ich hätte so viel Talent und Erfahrungen im Sport“, lacht „Susi“. Und sie hört zum Glück für den Tischtennissport in unserem Land auf den Neo-Coach. Klubmäßig wird sie weiter für Kolbermoor in Deutschland im Einsatz sein. „Aber nur bei den wichtigen Spielen.“

Womit wir in unserem Gespräch den Bogen zum derzeitigen Match ‘Die Welt gegen das Coronavirus’ spannen.

Warnungen ignoriert

Denn zu einem Zeitpunkt, wo die Tochter noch in Ungarn ein Turnier spielte, warnten die in Peking lebenden Eltern eindringlich vor der unsichtbaren Gefahr. „Das hab ich ignoriert.“ Erst als die Schulen geschlossen wurden, kam die Einsicht — und das „Wir haben es ja gesagt“ von den Eltern, denen es übrigens gut geht und die bestens informiert sind über die Lage hier. „Sie sehen es sehr dramatisch, in China wurden ganze Familien ausgerottet.“ Nicht zuletzt deshalb gilt für Liu Jia in Sachen Wettkämpfe im Sport die Devise: „Lieber länger warten mit den Sachen, die nicht lebensnotwendig sind“, meint sie ernst, verabschiedet sich aber mit einem herzlichen Lachen.

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