Tod von George Floyd: US-Bürger trotzen den Ausgangssperren

In den USA entlädt sich die Spannung über den Tod von George Floyd weiter mit ungebremster Wucht. Am Dienstagabend wurden an der US-Westküste die Proteste größtenteils friedlich fortgesetzt.

Die inneren Bezirke in US-Großstädten gleichen jedoch einer Kampfzone: demolierte und verbarrikadierte Geschäfte, Polizeipräsenz und großflächige Sperren – ein Lokalaugenschein aus Seattle.


In der US-Pazifikmetropole Seattle wurde wie in anderen US-Großstädten der Westküste auch am Dienstag weiter gegen Polizeigewalt demonstriert. In der Nähe des „Westlake Center“, eines Einkaufszentrums unweit des Stadtzentrums von Seattle, brannten noch am Wochenende mehrere Autos und es war zu Plünderungen gekommen. Am Dienstag erwarteten die Protestierenden am Nachmittag bereits Soldaten der Nationalgarde und Polizei mit Schlagstöcken. Die Geschäfte in der Innenstadt waren verbarrikadiert und oftmals zusätzlich durch private Sicherheitskräfte bewacht. Viele Straßen im Innenbezirk waren großflächig gesperrt.

Polizei setzte Tränengas ein

Am Nachmittag beginnen in der Innenstadt von Seattle die ersten Sprechchöre und knapp 100 Demonstranten haben sich eingefunden. „Wir zeigen ihnen, dass wir Macht haben. Sie verlieren im ganzen Land“, so einer der Sprecher. Gleichzeitig wurde durch mehrere Organisatoren vor einer Wiederholung der Gewaltexzesse vom Wochenende gewarnt. „In die Geschäfte einzubrechen, bringt euch nichts!“, so einer der Sprecher der Kundgebung am „Westlake“. „Das ist nicht, weswegen wir hier sind“. Viele der Protestierenden am Dienstagnachmittag sind unter 30 Jahre, die meisten davon sind weiße Amerikaner.

Die Seattler Polizei geriet am Wochenende unter massive Kritik, als Videos auftauchten, die den unangekündigten Einsatz von Tränengas und Flashbangs gegen Demonstranten zeigten. Auch Videos von einem Pfeffersprayeinsatz gegen Kinder und exzessiver Polizeigewalt wurden publik. Noch am Montagabend lieferten sich in Seattle Demonstranten sowie Polizisten und Teile der Nationalgarde einen Standoff, eine Eskalation wie am Wochenende blieb jedoch trotz des Einsatzes von Gummigeschoßen aus.

US-Präsident Donald Trump hatte am Montag angekündigt, in Anbetracht der Proteste im Extremfall auch das US-Militär aufzufahren. Diese Ankündigung hatte auch im pazifischen Nordwesten der USA für Unverständnis gesorgt. „Wir haben die Nationalgarde am Wochenende begrüßt (…), aber um es ganz klar zu sagen: US-Militär ist weder notwendig, noch werden sie als Polizeikräfte agieren“, erklärte Jenny Durkan, die Bürgermeisterin der Stadt Seattle.

„POTUS (Trumps Twitter-Handle, Anm.) hat den Verstand verloren“, so der Generalstadtanwalt von Seattle, Pete Holmes in derselben Aussendung. „Nicht, dass es nicht bereits offen gegen das Gesetz wäre, aber, will er, dass die Nation brennt?“

Während im Seattler Stadtzentrum die Polizeipräsenz überwiegt, hat sich der Großteil der Demonstranten und damit mehrere tausend Menschen, kurz vor 19:00 im bunten Ausgehbezirk Capitol Hill eingefunden. Für Dienstag gilt bis zum frühen Abend wider Erwarten keine Ausgangssperre. „Wenn sie eine Ausgangssperre ausrufen, dann tun sie das nur Minuten zuvor“, erklärt eine Demonstrantin gegenüber der APA. „Sie nutzen die Ausgangssperre als eine Methode, um die Proteste zu unterbinden.“

Ausgangssperre

Kurz vor 21:00 erreichte dann jedes Mobiltelefon im Stadtumkreis von Seattle eine automatisierte Textnachricht, die tatsächlich überraschend eine Ausgangssperre von 21:00 bis 5:00 verkündete. Die Bürger wurden angehalten, das Stadtzentrum zu meiden. Anders als in anderen US-Großstädten bleibt jedoch der öffentliche Verkehr weiter aufrecht. Auch die Demonstrationen am „Westlake“ sowie am Capitol Hill wurden am Dienstagabend fortgesetzt. Die erwartete Polizeikonfrontation blieb jedoch vorerst aus.

Anderswo an der US-Westküste wurde trotz bereits bestehender Ausgangssperren ebenfalls am Dienstagabend weiter protestiert – in San Jose, Sacramento, Portland und Los Angeles gab es ebenfalls großteils friedliche Proteste bis spät in die Nacht. Es ist die fünfte Protestnacht in Folge.

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