Totschnig: „Bauer sein ist vor allem eine Berufung“

Landwirtschaftsminister will ökosozialen Weg weitergehen — Lebensmittelversorgung gesichert

HBM Mag. Norbert Totschnig
HBM Mag. Norbert Totschnig © BML/Lendl

VOLKSBLATT: Sie sind nun zwei Monate Minister, ist die Arbeit so, wie Sie es sich vorgestellt haben?

BM TOTSCHNIG: Ich bin schon lange im Geschäft und weiß, dass Politik das Bohren harter Bretter ist und dass man auch eine dicke Haut braucht. Mein Anspruch ist, für unser Land zu arbeiten und gute Lösungen für die Menschen umzusetzen. Als Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft setze ich mich für unser aller Lebensgrundlagen ein — dieser Aufgabe widme ich mich mit voller Kraft.

Sie waren jahrelang als Direktor des Bauernbundes Interessenvertreter und sind nun als Minister quasi auf der anderen Seite. Den Wechsel schon einmal bereut?

Im Gegenteil! Ich bin ein Bauernsohn. Wo Arbeit anfällt, packe ich an — das habe ich seit frühester Kindheit gelernt. Mein Ziel war und ist unsere Bäuerinnen und Bauern bestmöglich durch die anstehenden Herausforderungen zu begleiten.

Sie haben in einer herausfordernden Zeit übernommen, der Krieg in der Ukraine hat auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Ist die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln in Österreich gesichert?

Ja, derzeit muss sich niemand Sorgen machen. Die Lebensmittelversorgung in Österreich ist gesichert. Das verdanken wir unseren Bäuerinnen und Bauern. Sie sind es, die tagtäglich Essen auf unsere Teller bringen. Und wir tun alles, damit das auch so bleibt.

Die Teuerung hat auch die Landwirtschaft erfasst und die Preise steigen weiter, reichen die bisherigen Hilfsmaßnahmen für die Bauern oder braucht es Nachbesserungen?

Die Teuerung gehört im Moment zu unseren größten Herausforderungen. Darum haben wir als Bundesregierung rasch reagiert und ein 28-Milliarden-Euro-Paket beschlossen. Damit geben wir den Menschen einen Teil des Geldes zurück, das ihnen die Inflation nimmt. Außerdem beginnen die Maßnahmen der Ökosozialen Steuerreform zu wirken und ich darf auch an die zwei ersten Entlastungspakete erinnern. Zusätzlich habe ich für unsere Bäuerinnen und Bauern ein 110 Millionen Euro schwerres Versorgungssicherungspaket geschnürt, um die gestiegenen Betriebsmittelkosten etwas abzufedern. Um die regionale Versorgung mit Obst und Gemüse aus Glashäusern zu unterstützen, stellen wir 9 Mio. Euro zur Verfügung. Mit all diesen Entlastungsmaßnahmen gehören wir zu den europäischen Vorreitern, kaum ein Land hat so schnell und in diesem Ausmaß reagiert. Sie werden ihre Wirkung zeigen.

Die Landwirtschaft wird oft auch als Teil des Problems oder als Teil der Lösung bei der Klima-Krise gesehen. Wo sehen Sie die Herausforderungen?

Nur, um das richtig einzuordnen: Die Landwirtschaft ist nur für rund zehn Prozent der Emissionen in Österreich verantwortlich. Und ja – unsere Land- und Forstwirtschaft will Teil der Lösung sein. Wir arbeiten daran, die Emissionen weiter zu verringern. Es gibt technische Möglichkeiten über die Digitalisierung in der Landwirtschaft – etwa indem man Ressourcen schonend einsetzt oder den Methanausstoß in der Tierhaltung weiter senkt. Das muss einhergehen mit der Sicherstellung der Versorgung.

Wie schaut die Zukunft der Landwirtschaft in Österreich aus? Kann man den jungen Menschen empfehlen, in der Landwirtschaft zu arbeiten?

Landwirtschaft ist und bleibt eine Zukunftsbranche. Denn immer mehr Menschen auf der Welt brauchen Nahrung. Im Gegensatz zu einer industrialisierten Landwirtschaft sind unsere kleinstrukturierten bäuerlichen Familienbetriebe das Erfolgskonzept. Denn sie wirtschaften krisenresistent, regional und nachhaltig – das führt zu einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz. Wir haben in Österreich im internationalen Vergleich einen großen Anteil an jungen Landwirtinnen und Landwirten. Aber keine Frage – Bäuerin oder Bauer sein ist vor allem eine Berufung. Ich setze alle Hebel in Bewegung, um unsere bäuerlichen Familienbetriebe zu stärken, damit sie gut wirtschaften und sich innovativ weiterentwickeln können. Zur Bewältigung aktueller Herausforderungen, wie den Klimaschutz, ist der ökosoziale Weg unser Kompass. Außerdem schaffen wir mit der neuen Gemeinsamen Agrarpolitik ab 2023 die Basis für eine umwelt- und klimagerechte Weiterentwicklung der Land- und Forstwirtschaft.

Die Koalition mit den Grünen wurde vor allem in der Landwirtschaft auch skeptisch gesehen. Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit?

Wir haben in der Koalition ein sehr gutes Arbeitsverhältnis, das möchte ich betonen. Sowohl auf der Parlamentsebene als auch ich persönlich mit den Kolleginnen und Kollegen in der Bundesregierung. Ein Ergebnis ist etwa das Tierwohl-Paket, das wir gemeinsam mit der Branche erarbeitet und im Nationalrat beschlossen haben.

Bei den Vollspaltenböden hat sich gezeigt, wie schwierig es ist einen Kompromiss zu erklären. Warum gelingt es der Regierung nicht besser, solche Einigungen zu „verkaufen“?

Gerade das ist ein Beispiel für unsere erfolgreiche Zusammenarbeit, die von vielen Seiten – bis hin zu den NGOs – sehr positiv kommentiert wurde. Mit dem Aus für unstrukturierte Vollspaltenböden ab 2039 ist uns eine Lösung gelungen, die bis vor kurzem undenkbar war und die gut für alle ist: für die Bauern, denn sie bekommen Planungs- und Investitionssicherheit. Für den Tierschutz, weil es eine echte Weiterentwicklung darstellt. Und es ist auch im Sinne des Konsumenten. Wir wollen das Tierwohl weiterentwickeln, aber auch die Versorgung sicherstellen. Mit abrupten Sprüngen treibt man die Landwirte aus der Produktion, das wollen wir nicht. Ställe haben eine Nutzungsdauer bis zu 30 Jahren. Politik muss berechenbar sein und Landwirte müssen den Umstieg vorbereiten können. Das geht nicht von heute auf morgen.

Apropos „Verkaufen“: Wie stehen Sie zum Borealis-Deal?

Ich verstehe die Sorgen unserer Bäuerinnen und Bauern bei diesem Thema, derzeit gibt es aber keine Anzeichen für Engpässe bei Düngemitteln. Hier handelt es sich um einen Verkauf der OMV – einem Unternehmen, das auf dem freien Markt agiert. Die Möglichkeiten der Politik sind da beschränkt. Umso mehr werden wir darauf schauen, dass der Standort weiterentwickelt wird und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist.

Sommer ist gerade für Bauern eine besonders stressige Zeit, wie schaut das für den Minister aus?

Das frühere „Sommerloch“ gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Bäuerinnen und Bauern kennen keine Pause. Auch als Minister gibt es immer etwas zu tun. Aber ich freue mich auf ein paar Tage zum Kraft tanken in Österreich mit meiner Familie.

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