Tour de Force und Jahrhundertphänomen

Dramaturg Arne Beeker über das Musical „Piaf“, das am Freitag im Musiktheater Linz Premiere feiert

Arne Beeker sprach mit dem VOLKSBLATT über „Piaf“.
Arne Beeker sprach mit dem VOLKSBLATT über „Piaf“. © Philip Brunnader

Tour de Force, spannende Biografie, Jahrhundertphänomen: Diese drei Fakten nennt Dramaturg und Produktionsleiter Arne Beeker als wesentliche Merkmale des Musicals „Piaf“ von Pam Gems (Uraufführung 1978), das am Freitag im Musiktheater Linz seine Premiere feiern wird.

Beeker, seit 2012 am Musiktheater, studierte Mathematik und Physik und promovierte mit einem Thema aus der Chaostheorie. Unter dem Namen Roman Hinze übersetzte er über vierzig Musicals, so auch die Neufassung von „Piaf“ nach einem Konzept der Autorin aus 2008 für das Donmar Warehouse Theater in London. Mit dem VOLKSBLATT sprach er über die erste Musical-Produktion der neuen Saison.

VOLKSBLATT: Wie sehen Sie die Figur Edith Piaf?

ARNE BEEKER: Sie ist eine unglaubliche Figur, hatte eine Lebensgeschichte, die einfach nicht zu fassen ist. Es gibt viele Biografien und eine Autobiografie, doch auch darin vermischen sich Legende und Wahrheit.

Eine ganz besondere Linzer Version demnach?

Wir haben uns an die Stückfassung der Autorin Pam Gems gehalten. Die wurde besonders in den 70er- und 80er-Jahren meist von Schauspielensembles gespielt, wo die Stimmen oft nicht ideal waren. Wir können hingegen mit unserem Musicalensemble aus dem Vollen schöpfen, speziell mit Daniela Dett in der Hauptrolle, auch in der Zweitbesetzung mit Hanna Kastner. Das Besondere an diesem Stück ist: Man kriegt vom Verlag nur ein Textbuch, aber kein musikalisches Material. Die Auswahl, das Einfügen der Lieder ergeben was Eigenes, basieren hier teilweise auf einer Version, die Matthias Davids vor 16 Jahren in Oslo gemacht hat. Tom Bitterlich, unser musikalischer Leiter, hat die Lieder neu arrangiert und bearbeitet.

Was sind die herausragenden Merkmale dieser Produktion?

Zum einen eine Tour de Force für die Hauptdarstellerin. Es ist sehr selten bei Musicals, dass eine solche Last auf nur zwei Schultern liegt. Der Rest des Ensembles ist gut beschäftigt, aber gesanglich leistet Daniela Dett fast alles, eine unglaubliche Aufgabe! Zweitens eine wahnsinnig spannende Lebensgeschichte, die schlaglichtartig vor uns ausgebreitet wird. Und drittens ist es eine Anregung, sich mit dieser Figur, die ja wirklich ein Jahrhundertphänomen ist, zu beschäftigen.

Was macht den unverwüstlichen Reiz dieser Musik aus?

Sie hatte verschiedene Texter- und Kompositionsteams. Einige Texte verfasste sie selbst, von denen nur „La vie en rose“ berühmt geworden ist. Man schrieb ihr die Chansons perfekt auf den Leib, wie das Lied, das am meisten ihr Wesen ausdrückt: „Non, je ne regrette rien“. Das sang sie in den letzten zwei Lebensjahren und rettete damit, obwohl schon todkrank, das Olympia, diese große Konzertstätte in Paris.

Wie gestaltete sich die Probenarbeit?

Das war natürlich eine ganz besondere in diesem Coronawahnsinn, da war zuerst die Überlegung, was können wir überhaupt machen, wie können wir mit Gesichtsschildern proben? Da kommt halt beim Singen recht wenig raus. Wir mussten damit umgehen. Wir konnten nicht absehen, wie der Herbst sich entwickelt. Daumen halten, dass jetzt alles klappt.

Bereute die Piaf wirklich nichts?

Ich glaube, das war wirklich so. Sie hat gelebt ohne Rücksicht auf irgendwelche Verluste, einschließlich ihrer eigenen Gesundheit, war sehr anstrengend für ihre Mitmenschen, eine dominante Person, der man nicht ausgeliefert sein möchte, vielleicht war sie auch Feministin. So wie sie mit den Männern umgesprungen ist, wie sie immer den Ton angegeben hat, könnte man das diskutieren.

Feministin?

Als Straßenmädchen aufgewachsen zwischen Prostituierten, Drogendealern und Zuhältern. Diese Authentizität benutzt sie um voranzukommen. Sie versucht nicht zu verbergen, sondern genau damit Punkte zu machen. Edith Piaf war von Männern abhängig, sobald sie aber auf einem bestimmten Niveau war, hat sie die Männer abhängig gemacht. Feminismus steht in unserer Produktion aber nicht im Vordergrund.

Wie kam sie mit ihren berühmten Gefährten zurecht?

Da gibt es eine komödiantische Szene wie sie aus dem erfolglosen Cowboylieder-Sänger Yves Montand den charismatischen Chansonsänger macht. So hat sie ganz viele Männer entdeckt und groß gemacht, sie waren immer ihre Liebhaber, und irgendwann hat sie sie abgelegt. Aznavour war ganz jung, als sie ihn kennenlernte, ihm bezahlte sie eine neue Nase.

Eckdaten: Wie viele Lieder insgesamt, wie lange dauert das Musical?

Dauert ungefähr zweieinhalb Stunden inklusive Pause, mit 20 Liedern oder mehr. In ihrer Autobiografie schreibt Piaf: „Ein Chanson, bei dem es nicht um die Liebe geht, kann kein gutes Chanson sein.“

Mit ARNE BEEKER sprach Eva Hammer

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