Tragödie & Fest der Stimmen

„Echte“ Premiere von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“

Unversöhnlichkeit der Welt, davon erdrückt die Liebenden: Anna Alàs i Jové (Romeo), Ilona Revolskaya (Giulietta).
Unversöhnlichkeit der Welt, davon erdrückt die Liebenden: Anna Alàs i Jové (Romeo), Ilona Revolskaya (Giulietta). © Reinhard Winkler

Eine Welt der Gegensätze spiegelte sich am Wochenende in der nach langer Pause ersten „echten“ Opern-Premiere des Linzer Musiktheaters.

Auf dem Programm stand Vincenzo Bellinis Version der Geschichte von Romeo und Julia unter dem Titel „I Capuleti e I Montecchi“, die bereits am 10. April erstmals im Netzbühne-Streaming präsentiert worden war.

Im Kontrast zum tragischen Bühnenstoff wehte schon vor Beginn der Vorstellung eine kräftige Prise voll Optimismus und freudiger Erwartung durchs Haus – und dies trotz der harschen Anti-Corona-Auflagen.

Geist des Belcanto

Die positive Stimmung von Publikum und Service-Personal fand von Beginn an ihre Entsprechung auf der Bühne und im Orchestergraben. Welch ein atmosphärischer Unterschied zur Streaming-Version!

Das Erlebnis der Dreidimensionalität von Klang, Raum und Bühnengeschehen übersteigt jenes der technoiden Begegnung mit dem TV-Schirm bei weitem. Dazu kommt noch die spürbar hohe Motivation der gesamten künstlerischen Kräfte.

Dirigent Enrico Calesso und das Bruckner Orchester fanden eine überzeugende Balance zwischen feinem Ausloten der emotionalen Spannung in der Musik und dem notwendigen Tribut an die charakteristische Italianita der Komposition, wobei feine, leise Töne jederzeit zu ihrem Recht kamen.

Melodiöse Soli aus dem Orchester unterstützten ideal die hervorragende Wirkung der Stimmen auf der Bühne, allen voran jener der beiden Protagonistinnen, der Giulietta Ilona Revolskayas und des Romeo von Anna Alas i Jové.

Beide Sängerinnen schöpften ihren beträchtlichen Stimmumfang und ihre Phrasierungskunst zugunsten der Charakterzeichnung ihrer Rollen voll aus. Sie dienten überzeugend dem Geist des Belcanto, der den emotionalen Gehalt der Handlung überwiegend der Stimme anvertraut.

Aber auch die Herren Dominik Nekel als Patriarch Capellio, Michael Wagner als vermittelnder Arzt Lorenzo, und der Tenor Joshua Whitener als eifernder Tebaldo gaben ihren Aufgaben eindrucksvolles Profil.

Große Anerkennung gilt der Leistung des Herren-Chors und -Extrachors (Einstudierung Elena Pierini und Martin Zeller), der mit der Wandlung einer grau anonymisierten Soldateska zur trauernden, das Licht der Hoffnung tragenden Gemeinschaft ein wichtiges Element der Inszenierung Gregor Horres´ trägt.

Trotzdem hoffen

Aus heutiger Sicht ist diese Gemeinschaft mit ihrem originellen zentralen Bühnenelement (Elisabeth Pedross) trotz der historischen Nomenklatur hochaktuell, wenn man den unversöhnlichen Nahostkonflikt assoziiert, der Ursache vieler persönlicher Tragödien ist.

Auch das traurige Ende bremste nicht den nach oftmaligem Zwischenapplaus aufbrandenden Premierenbeifall für alle Mitwirkenden. Jubel galt den beiden Protagonistinnen.

Von Paul Stepanek

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