Tschechische Post verweigert Gedenkmarke für Massakeropfer

Vor 100 Jahren: 54 Menschen getötet, weil sie Österreicher sein wollten

Der zweite Entwurf fiel ohne Angabe von Gründen auch durch. © privat

Von Manfred Maurer

Es war ein historischer Tag: Am 4. März 1919 konstituierte sich in Wien die erstmals auch von Frauen gewählte Nationalversammlung Deutschösterreichs.

Historisch, traurig, blutig

Es war aber auch ein trauriger Tag: In der neugegründeten Tschechoslowakei sowie in Südtirol hatte die in der Provisorischen Nationalversammlung noch vertreten gewesene deutschsprachige Bevölkerung nicht an den Wahlen teilnehmen dürfen. In Böhmen, Mähren und Schlesien riefen die Sozialdemokraten deshalb am 4. März zu Demonstrationen auf. Dem Appell schlossen sich alle deutschsprachigen Parteien im Sudetenland an.

Und es war ein blutiger Tag: Die Kundgebungen endeten in einem Blutbad. In mehreren Städten feuerten tschechische Soldaten in die Menschenmengen, die für einen Verbleib bei Österreich demonstrierten und sich dabei auf das von US-Präsident Woodrow Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker beriefen. Allein im nordböhmischen Kaaden (Kadan) gab es 25 Tote, 16 in Mährisch-Sternberg (Sternberk), sechs in Karlsbad (Karlovy Vary). Insgesamt wurden an diesem Tag 54 „Österreicher“ getötet, darunter 23 Frauen und Kinder.

Gedenken in Wien & Enns

100 Jahre danach wird dieser Tragödie am Samstag in Wien und Enns gedacht. Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) und die Dritte NR-Präsidentin Anneliese Kitzmüller (FPÖ) laden mit dem Verband der Altösterreichischen Landsmannschaften zur Gedenkveranstaltung in der Hofburg. In Enns wird der Böhmerwaldbund der Toten des 4. März gedenken.

Auch in Tschechien wollte einer der wenigen verbliebenen Altösterreicher an die blutigen Ereignisse vor 100 Jahren erinnern. Richard Neugebauer plante die Herausgabe einer Sonderbriefmarke. Der Direktor der Stiftung Bohemia Troppau wollte 15.000 Gedenkmarken herstellen lassen. Die diversen Vereine der deutschsprachigen Bevölkerung sollten damit ihre Briefe frankieren und so die Erinnerung an den 4. März 1919 unters Volk bringen. Wie in Österreich ist es auch in Tschechien möglich, private Briefmarken herstellen zu lassen.

Der erste Entwurf zeigte eine versöhnliche Symbolik: Zwei Hände, die einander über den Kreuzen für die Opfer näher kamen. Doch Neugebauer blitzte ab: Die zuständige Referentin der Post machte dem Troppauer keine Hoffnung, dass die Kommission, die jeder Briefmarke ihren Sanktus geben muss, diesen Entwurf billigen werde. „Das Datum auf Deutsch und der schwarz-rot-goldene Hintergrund haben sie gestört“, so Neugebauer zum VOLKSBLATT. Also ließ er einen neuen Entwurf anfertigen, der den historischen Bezug nur noch andeutete: Keine Kreuze und kein Datum, sondern nur die Landesfarben Böhmen, Mährens und Schlesiens sowie die Farben der Landsmannschaft. Darüber wie im ersten Entwurf die sich reichenden Hände. Doch auch das wurde nicht gestattet. Neugebauer: „Die Kommission hat das Recht in Anspruch genommen, den Entwurf ohne Angabe von Gründen abzulehnen.“

SPÖ gedenkt nicht

Übrigens: Die SPÖ gedenkt ihrer vor 100 Jahren erschossenen Genossen nicht. Die Tragödie ist in roten Köpfen offenbar nicht mehr präsent. „Ich kenne das Ereignis nicht“, räumt SPÖ-Klubsprecher Peter Pertl ein. Auch in der Parteizentrale in der Löwelstraße heißt es auf Anfrage, es sei kein SPÖ-Gedenken zum 4. März 1919 geplant.