Erstes ukrainisches Getreideschiff legt in Odessa ab

Die „Razoni“ bringt erstmals wieder Getreide aus der Ukraine © APA/AFP/OLEKSANDR GIMANOV

Erstmals seit Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine hat am Montag ein mit Getreide beladenes Schiff den seit Monaten blockierten Schwarzmeerhafen von Odessa verlassen. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sprach auf Twitter von einem „Tag der Erleichterung für die Welt“. „Heute unternimmt die Ukraine zusammen mit ihren Partnern einen weiteren Schritt, um Hunger in der Welt zu verhindern“, erklärte der ukrainische Infrastrukturminister Oleksandr Kubrakow.

Bei dem Schiff handelt es sich nach türkischen Angaben um die „Razoni“, die unter der Flagge von Sierra Leone fahre. Ihr Ziel ist demnach der Libanon. Nach Angaben einer von den Vereinten Nationen geleiteten internationalen Koordinationsgruppe hat das Schiff mehr als 26.000 Tonnen Mais geladen. Es werde am Dienstag in türkischen Gewässern erwartet, um dort inspiziert zu werden.

Die Ukraine zählte bisher zu den größten Getreide-Lieferanten. Gemeinsam mit Russland stand das Land vor dem Krieg für fast ein Drittel der globalen Exporte. Die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer wie Odessa können aber seit Kriegsbeginn Ende Februar wegen der Blockade durch russische Streitkräfte, der anhaltenden Kämpfe und der gegen Russland verhängten Sanktionen des Westens nicht wie gewohnt genutzt werden. Tonnenweise Getreide steckt dort fest.

Teilweise wurden Getreide und Agrarprodukte zwar über andere Wege außer Landes gebracht, allerdings nur zu einem Bruchteil dessen, was vor dem Krieg exportiert wurde. Die Folge sind steigende Preise und Engpässe, worunter besonders ärmere Länder leiden. Die UNO warnte, dass im Nahen Osten und in Afrika Hungersnöte drohten, die Millionen Menschen treffen würden.

16 weitere Schiffe würden darauf warten, ebenfalls ablegen zu können, erklärte Infrastrukturminister Kubrakow. Wenn das Getreideabkommen mit Russland halte, werde die Ukraine Verhandlungen aufnehmen und versuchen, auch den Hafen der Stadt Mykolajiw, die erst am Sonntag wieder von russischen Raketen getroffen worden war, für die Ausfuhr von Getreide per Schiff zu öffnen.

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Dass der erste Frachter aus Odessa nun auslaufen konnte, sei einem kürzlich in Istanbul unterzeichneten Abkommen zu verdanken. Unter Vermittlung der UNO und der Türkei hatten sich die Kriegsparteien im Juli darauf verständigt, dass Getreide-Schiffslieferungen aus Häfen von Odessa, Tschornomorsk und Piwdennyj wieder aufgenommen werden können. Das Abkommen ist einer der wenigen diplomatischen Durchbrüche, die es seit Kriegsbeginn gab. Mit ihm soll eine sichere Passage durch Minenfelder, besetzte Gewässer und schließlich durch den Bosporus ins Mittelmeer möglich werden.

Die US-Botschaft in Kiew erklärte, die Welt werde darauf achten, dass das „Abkommen zur Ernährung von Mensch rund um die Welt“ eingehalten werde. Es sei wichtig, dass weitere Schiffe aus ukrainischen Schwarzmeer-Häfen auslaufen könnten, sagte ein Sprecher des Bundesaußenministeriums in Berlin. Außerdem müsse an alternativen Routen gearbeitet werden, um den Getreide-Stau aufzulösen.

Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar sagte, die „Razoni“ werde am Dienstagnachmittag im Bosporus vor Istanbul ankern und dann von einem Team aus Vertretern Russlands, der Ukraine, der Türkei und der UNO inspiziert. Sollten keine Probleme auftauchen, werde das Schiff seine Fahrt fortsetzen.

Russland, das den Krieg in der Ukraine einen „militärischen Spezialeinsatz“ nennt, bezeichnete die Nachricht vom Auslaufen der „Razoni“ als „sehr positiv“. Die Regierung in Moskau hat die Verantwortung für die Nahrungsmittelkrise zurückgewiesen. Sie gibt dem Westen wegen dessen im Zuge des Krieges verhängten Sanktionen die Schuld sowie der Ukraine, die die Zufahrten zu den Häfen vermint habe.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu schrieb auf Twitter, er hoffe, dass die Exporte nun ohne Unterbrechungen und Probleme fortgesetzt werden und „das Abkommen zu einem Waffenstillstand und dauerhaften Frieden führen wird“.

Österreichs Außenministerium begrüßte am Montag auf Twitter die Abfahrt des ersten Schiffes mit Getreide aus Odessa als „wichtigen Schritt zur Linderung der weltweiten Nahrungsmittelknappheit, die der russische Angriffskrieg ausgelöst hat“. Viele weitere Schritte müssten folgen, um eine globale Hungerkrise abzuwenden, hieß es in dem Tweet weiter: „Hunger darf nicht als Waffe eingesetzt werden!“

Auch Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) begrüßte das Ende der Getreideblockade: „Das erste Getreideschiff ist endlich am Weg von der Ukraine Richtung Afrika – und es werden ihm hoffentlich noch viele folgen“, schrieb Totschnig am Montag in einer Aussendung. „Das ist nicht nur wichtig für die Menschen, die auf diese Lieferungen angewiesen sind, sondern auch für die ukrainischen Bauern und Lagerkapazitäten“, so Totschnig weiter. Lebensmittelversorgung sei „ein globales Sicherheitsthema“ und das Ende der Getreideblockade „ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Hunger und ein Zeichen der Vernunft“.

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