Türkei nun doch für Waffenruhe

US-Vize Pence rang Erdogan ab, was dieser ausgeschlossen hatte — Spielen Kurden mit?

US-Vizepräsident Pence rang Erdogan (oben) gestern eine Waffenruhe ab,. in Nordsyrien (unten) tobte tagsüber noch der Krieg.
US-Vizepräsident Pence rang Erdogan eine Waffenruhe ab. © AFP/Kose

„Niemals“ werde er einer Waffenruhe in Nordsyrien zustimmen, hatte Recep Tayyip Erdogan am Mittwoch gesagt. Nach einem Besuch von US-Vizepräsident Mike Pence war der türkische Präsident gestern Abend dann doch bereit. Trotzdem ist die Hoffnung auf einen dauerhafte Entspannung nicht groß. Die Türken wollen nämlich die Waffen für fünf Tage nur schweigen lassen, um der Kurdenmiliz YPG den Abzug aus Grenzgebiet in Nordsyrien zu ermöglichen, das Erdogan zu einer „Sicherheitszone“ machen will, in die bis zu zwei Millionen Syrien-Flüchtlinge aus der Türkei umgesiedelt werden sollen.

Nach dem Abzug der YPG-Miliz wolle die Türkei ihren Militäreinsatz beenden, sagte Pence. US-Präsident Donald Trump werde, so sein Vize, die gegen die Türkei wegen der vor einer Woche gestarteten Militäroffensive verhängten Sanktionen bei einer dauerhaften Waffenruhe in Nordsyrien wieder aufheben. Vorerst würden keine weiteren Strafmaßnahmen gegen die Türkei verhängt, sagte er.

Trump ist jedenfalls begeistert: „Großartige Nachrichten aus der Türkei“, twitterte er und dankte Erdogan. „Millionen Leben werden gerettet“. „Dieser Deal hätte vor drei Tagen niemals abgeschlossen werden können. Man brauchte ein wenig ‘strenge’ Liebe um ihn durchzusetzen“, so Trump.

Dass die „strenge Liebe“ die Kurden blind für den Verrat durch die Amerikaner macht, darf bezweifelt werden. Im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz waren sie die wichtigsten Verbündeten der USA gewesen, dann zog Trump die US-Soldaten aus Nordsyrien ab und ermöglichte so erst den hinterher kritisierten Einmarsch der Türken.

Eine kampflose Übergabe der Grenzgebiete an die Türken ist daher unwahrscheinlich.

Kurden stoppen Kampf gegen IS

Angesichts der türkischen Offensive in Nordsyrien haben die kurdischen Milizen und ihre Verbündeten den Kampf gegen den IS vollständig ausgesetzt. „Wir haben all unsere Aktivitäten gegen den IS eingefroren“, verkündete Maslum Abdi, Chef des Rebellenbündnisses SDF.

IS-Überfall auf Kurden-Hauptquartier

Gestern meldete der IS die „Befreiung“ von mehreren Frauen aus kurdischer Haft. IS-Kämpfer hätten ein Hauptquartier der kurdischen Sicherheitskräfte westlich von Raqqa gestürmt und von Kurden „entführte muslimische Frauen befreit“. Ob es Frauen von Kämpfern oder IS-Mitglieder waren, blieb offen. Seit Beginn der türkischen Offensive besteht international die Sorge, dass tausende inhaftierte IS-Anhänger in kurdischer Haft die Chance zur Flucht nutzen.

Sechs Österreicher in nordsyrischen Lagern

In den vergangenen Tagen wurden bereits mehrere Ausbrüche und Fluchtversuche gemeldet. Laut dem Außenamt in Wien befinden sich derzeit sechs Österreicher in nordsyrischen Lagern — neben der Salzburgerin Maria G. und ihren beiden Kleinkindern und der Wienerin Evelyn P. mit ihrem Sohn auch ein Österreicher mit türkischen Wurzeln.

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