Türkischer Botschafter in Wien gerät erneut unter Beschuss

Ozan Ceyhun ließ sich von seiner Frau öffentlich die Hand küssen

Wird Ceyhun in Wien zur unerwünschten Person erklärt?, fragt das türkische Internetportal „arti49“ (unten). © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

„Wir gehen Schritt für Schritt in die mittelalterliche Dunkelheit…!“ — dieser Tweet einer in Florida lebenden Türkin offenbart die Berühmtheit, zu der es Ozan Ceyhun in der türkischen Diaspora mittlerweile weltweit gebracht hat.

Nachdem der türkische Botschafter in Wien Ende Mai – wie vom VOLKSBLATT aufgedeckt – mit als abfällig empfundenen Aussagen über das christliche Weihnachtsfest für Empörung gesorgt hatte, gibt es nun einen neuen Stein des Anstoßes: Ein Foto lässt die Wogen hochgehen. Aus rechtlichen Gründen kann der bei einer Ramadan-Feier in der Wiener Botschaft entstandene Schnappschuss hier nicht gezeigt, mit der Stichwort-Kombi „Ozan Ceyhun Öpmesi“ aber auf „Google Bilder“ gefunden werden.

Devote Szene

Das Foto zeigt das Ehepaar Ozan und Azize Ceyhun: Er steht vor ihr, reicht ihr die Hand hin, sie verbeugt sich demütig, ergreift seine Hand und führt sie an ihre Stirn.

Screenshot: arti49.com
©Screenshot: arti49.com

Für den Islamwissenschafter Abdel-Hakim Ourghi, dem das VOLKSBLATT das Bild vorlegt, ist die Botschaft dieser Szene klar: „Das ist die blinde Hingabe. Das Zeichen zeigt, dass die Frau ein Besitz des Mannes ist. Das ist islamisch-konservativ: Ich knie vor Gott und vor dir. Ich bin dein Besitz“, so der Theologe von der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Die Botschaftergattin postete das Foto auf ihrem Twitter-Account und entfachte in der türkischen Diaspora einen Proteststurm. „Der Botschafter stört die Gemüter und den Frieden der Türken in Österreich“, twitterte etwa Ülker Ö. (Name geändert). „Weder der Mann ist der Herr der Frau noch die Frau ist die Sklavin des Mannes, wenn eine Hand geküsst werden soll, dann die der Frau“, heißt es in einem anderen Kommentar.

Ceyhun: „Foto gestohlen“

Das Foto ist mittlerweile von Azize Ceyhuns Twitter-Account verschwunden, kursiert aber weiter im Internet. Der Botschafter betrachtet es als „gestohlen“ und kündigt rechtliche Schritte an. Die Frage, welche Botschaft das Bild transportieren hätte sollen, bleibt unbeantwortet.

Die Kritik an Ceyhun zieht allerdings weitere Kreise. Ohnehin kämpft der seit Februar in Wien stationierte Diplomat mit einem Wendehals-Image. Ehe er Fan von Präsident Recep Tayyip Erdogan wurde, war der deutsch-türkische Doppelstaatsbürger EU-Abgeordneter der Grünen (1998-2000) und dann der SPD (bis 2004).

Unerwünschte Person?

Nun werden auch seine diplomatischen Fähigkeiten angezweifelt. Das in Hessen angesiedelte exiltürkische Internetportal arti49.com übertitelte einen langen Beitrag über Ceyhun und die jüngsten Vorfälle in Wien mit der Frage „Wird er zur unerwünschten Person erklärt?“ „Die Zahl derer, die glauben, Ozan Ceyhun verstoße gegen die allgemeinen Usancen der Diplomatie, nimmt zu“, heißt es in der Analyse, die „große Respektlosigkeit gegenüber dem Land, in dem er Botschafter ist“, kritisiert.

Ceyhun trete „eher als militanter AKPler denn als Diplomat auf“. Befeuert wird die Debatte durch ein gemeinsames Schreiben von 500 ehemaligen türkischen Diplomaten. Dieses erwähnt zwar Ceyhun nicht explizit, enthält aber Kritik, die auch auf ihn gemünzt scheint. „Einige von denen, die jetzt im (türkischen) Außenministerium arbeiten, glauben, dass sie erfolgreich sein werden, wenn sie den Stil und den Diskurs des Präsidenten (Erdogan, Anm.) in ihren Auslandsmissionen zeigen“, so ein hochrangiger Ex-Diplomat aus Ankara. Er rate dringend davon ab: „Botschafter sollten nicht Parteien und Politiker, sondern die türkische Nation vertreten.“

Von Manfred Maurer

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