Turbulente „Blume von Hawaii“

    Lehár-Festival Bad Ischl: Intendant Enzinger überforderte sich und das Publikum

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    Rene Rumpold als Kapitän Stone (l.) und der sich durch die Handlung blödelnde Ramesh Nair als John Buffy
    Rene Rumpold als Kapitän Stone (l.) und der sich durch die Handlung blödelnde Ramesh Nair als John Buffy © www.fotohofer.at

    Von Ingo Rickl

    Mit einem verbalen Paukenschlag begann das Lehár-Festival Bad Ischl. Landeshauptmann a. D. Josef Pühringer stellte den Terminus „Kultur“ in den Mittelpunkt und mahnte in Hinblick auf Österreichs EU-Vorsitz die Einhaltung der Kriterien dieses Begriffes ein, den er auch auf das Zusammenleben der Menschen aller Nationen und den Umgang miteinander ausdehnte. Dem verbalen Kulturbegriff folgte der praktische auf den Fuß. Thomas Enzinger hatte den Ehrgeiz, als Intendant und Regisseur der 1931 in Leipzig uraufgeführten Operette „Die Blume von Hawaii“ nicht nur die melodienreiche, die Fantasie anregende Geschichte in neuer Sichtweise auf die Bühne zu stellen, sondern auch die Biografie des in den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und seines Ruhms stehenden Paul Abraham in das exotische Geschehen miteinzubeziehen. Dazu kam eine die Unebenheiten des Original-Librettos von Emmerich Földes, Alfred Grünwald und Fritz Beda-Löhner noch verstärkende Neubearbeitung des Textes sowie der Ehrgeiz, den Original-Sound zu erkunden und zu präsentieren. Verzeihung, Herr Intendant, so viele Schwierigkeiten unter einen Hut zu bringen, musste einfach zu Unvollkommenheit führen.

    Musik & Gesang zu laut, die Handlung verwirrend

    Jener „Sound“, der aus dem Orchester klang, wirkte hart, manchmal derb und laut, die in der Partitur vorhandenen lyrischen, auch kitschigen Stellen waren nicht mehr da. Dazu waren die am Programm als „Musical-Ensemble“ apostrophierten, ambitionierten Ensemblemitglieder vielfach zu lärmend, zu aufdringlich aktiv, was die Schlagerparade empfindlich störte.

    Die Handlung mit vier Liebespaaren einschließlich der weiblichen Doppelrolle Susanne Provence/Prinzessin Laya ist schon im Original verwirrend genug, was sich nunmehr verschärfte. Noch ein Hindernis gab es für das Publikum: Die überwiegend dem Musiktheater-Genre Musical angehörenden Protagonisten, vom aus dem Irrenhaus in Hamburg samt seinem Arzt in Doppelrollen agierenden Paul Abraham mit weißen Dirigenten-Handschuhen geleitet, finden nicht zum Kern der Musik. Am ehesten gelingt dies in stillen Momenten dem eindrucksvollen Kapitän Stone in der Darstellung durch Rene Rumpold und der an der Grenze ihrer physischen Leistungsfähigkeit wirkenden Sieglinde Feldhofer als Suzanne Provence und Prinzessin Laya. Clemens Kerschbaumers Tenor hat als Prinz Lilo-Taro rare Momente der üblichen Strahlkraft, im Ensemble wirkt er zu statisch.

    Eine Fehlbesetzung und peinliche Blödeleien

    Die begnadete Nestroy-Darstellerin Susanne Hirschler ist trotz ihrer körperlich bis zur Selbstverleugnung eingesetzten Kräfte definitiv im falschen Stück. Der prominente Choreograph des Abends, Ramesh Nair, blödelt sich als John Buffy nahezu peinlich von einer schwachen Pointe zur nächsten. Nina Weiß fühlt sich in der Rolle der Bessie offensichtlich wohler als Stefan Jovanovic als Kanako Hilo. Bleiben die in Doppelrollen durch das Stück führenden, ihr Bestes gebenden Gaines Hall als Jim Boy und Arzt sowie der als Paul Abraham und Gouverneur gleicherweise im dramaturgischen Notstand befindliche Mark Weigel.

    Das großartige Orchester kämpft mit dem Material

    Das wie immer großartige Lehár-Orchester hatte unter seinem Dirgenten Markus Burkert mit den Tücken des Notenmaterials zu kämpfen; der vielseitig eingesetzte, von Gerald Krammer einstudierte Chor erfüllte die in ihn gesetzten Erwartungen. Das überaus kitschige, in Hawaii und Monte Carlo nahezu idente Bühnenbild und die Kostüme von Toto sind so farbenfroh wie Abrahams Melodien. Der in Ischl übliche Premerienjubel lässt hoffen, dass sich viele Operettenfreunde mit der ungewöhnlichen Präsentation auseinandersetzen werden.