Über die Fragwürdigkeit der Freizeit

Auftakt zum Attergauer Kultursommer „Wochenend' und Sonnenschein“ mit Karl Markovics

Karl Markovics konnte zum Auftakt des Attergauer Kultursommers das Publikum mehr als begeistern.
Karl Markovics konnte zum Auftakt des Attergauer Kultursommers das Publikum mehr als begeistern. © AKS

Wochenend’ und Sonnenschein? Es geht um das Fragezeichen, denn so wenig wie das aktuelle Wetter mit Sonnenschein zu tun hat, stimmt die Assoziation mit dem gleichnamigen Gassenhauer. Schauspieler, Regisseur und Autor Karl Markovics begeisterte am Freitag zum Auftakt der Attergauer Festwochen.

Aus Texten österreichischer Schriftsteller (Alfred Polgar, Peter Altenberg, Thomas Bernhard, Christoph Ransmayr, Felix Salten) sucht er, ob denn die gepriesene Freizeit tatsächlich mit seelischem und körperlichem Wohlbefinden einhergeht.

Der Attergauer Kultursommer entschied sich für eine Corona-Variante des traditionellen Festivals. Von 17. Juli bis 2. August finden dabei sechs Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden statt. Die Mehrzweckhalle in St. Georgen eignet sich, hölzerne Babyelefanten mahnen, kein Zwischenapplaus erbeten – es gilt Zeit zu sparen.

Karl Markovics liest, nein, er spielt, lebt, verkörpert die Gedanken großer Beobachter. Alfred Polgars Chronologie eines Vollrausches beim Heurigen, gespickt mit Saufliedern, umwabert apokalyptischer Tiefsinn. In Thomas Bernhards „Samstag“ aus „Der Keller“ durchleidet auch der Zuseher das Drama seiner Nichtsnutzigkeit, gegen die er auch mit Toben und Brüllen nicht ankann. In die Knie möchte man gehen, sanft fängt Franz Schubert auf „Drang in die Ferne“ dann Robert Schuhmanns „Stille Tränen“.

Musik zwischen Emotion und präziser Schärfe

Matthias Bartolomey am Violoncello und Stefan Vladar am Klavier führen über das Weltliche hinaus. Zurückhaltende doch starke Partner, die ihr Können neben dem Großen entfalten. Sie übernehmen Stimmungen, besänftigen mit sehr viel Emotionalität wie mit virtuoser Sachlichkeit und präziser Schärfe. Josef Roths „Tiere“in ihrer Doppeldeutung füllen die Allzweckhalle, ein wenig riecht es sogar danach. Wie ein sanfter Nachspann trägt Franz Schuberts romantisches Ständchen D957 die blauen Luftballons aus Peter Altenbergs „Im Volksgarten“ ins Ätherische. Markovics verwandelt jede direkte Rede unverzüglich in einen lebendigen Menschen, wechselt nach dem Beistrich zum sachlichen Kommentator oder leidenschaftlich Widersprechenden, schwimmt an ignoranten Oberflächen, legt zugleich alles was darunterliegt frei.

Ein Schmankerl stammt aus Alfred Polgars „Anfang vom Ende“: Die subtile Bosheit eines Praterkellners, an dem im „Leben unendlich viel Besoffenheit vorüberzog“ gegenüber dem „im Wollen gebrochenen Gast“ mündet als ewiger Fluss im 3/4-Takt von Fritz Kreislers „Liebesfreud“. Der begeisterte Applaus im halbvollen Saal tost auch nur halb so laut, dafür spielen die Künstler gleich im Anschluss ein zweites Mal – bei gleicher Gage. Hut ab und Dank!

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