Ukraine beschießt Separatistengebiete im Osten mit US-Waffen

Russen beschießen den Süden, die Ukraine den Osten © APA/AFP/OLGA MALTSEVA

Nach der Lieferung neuer westlicher Waffensysteme meldet die Ukraine im Krieg gegen Russland Erfolge. Die Besatzer bekämen zu spüren, „was moderne Artillerie ist“ und fänden nirgends in der Ukraine sicheres Hinterland, sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj. Prorussische Separatisten in der Ostukraine bestätigten am Mittwoch massenhaften Beschuss. Zugleich verhandelten Russland und die Ukraine über die Freigabe von Getreidelieferungen. Auch da sieht Kiew Fortschritte.

In Europa bleibt die Hauptsorge, wie viel Gas künftig aus Russland kommt. Hintergrund ist der Stopp der Lieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 wegen einer Wartung. Die deutsche Regierung ist unsicher, ob Moskau den Gashahn nach den Arbeiten kommende Woche planmäßig wieder aufdrehen wird. Vorerst kommt noch über die Ukraine russisches Gas nach Europa. Mit 41,3 Millionen Kubikmeter lag die für Mittwoch vereinbarte Menge aber bei weniger als der Hälfte des möglichen Umfangs. Weil wenig Gas in Deutschland ankommt, kann derzeit auch nur wenig eingespeichert werden.

Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beschwor am Mittwoch bei einem Besuch der US-Streitkräfte im bayrischen Grafenwöhr erneut die Geschlossenheit des transatlantischen Bündnisses und betonte auch: „Wir sind geeint in unserer Unterstützung für die Ukraine.“ Zuletzt hatten mehrere westliche Staaten der Ukraine moderne Raketensysteme und Artillerie geliefert, die russische Ziele aus größerer Distanz beschießen können. Darunter ist der US-Mehrfachraketenwerfer Himars. In den vergangenen Wochen sollen russische Militärbasen, Munitions- und Waffenlager weit hinter der Front zerstört worden sein.

In der Nacht zum Mittwoch waren in der von prorussischen Separatisten gehaltenen Großstadt Luhansk in der Ostukraine Explosionen zu hören. Es habe massenhaften Beschuss auf Luhansk mit dem Himars-System gegeben, bestätigte Separatistenvertreter Andrej Marotschko auf Telegram. Nach Angaben der prorussischen Separatistenbehörden feuerte die Ukraine auch drei Raketen vom Typ Totschka-U ab. Es gab keine Berichte über Tote. Die prorussischen Separatisten in der Region Donezk meldeten ebenfalls ukrainischen Raketen- und Artillerie-Beschuss.

Auch die ukrainische Seite berichtete vom Einsatz des Raketenwerfers Himars. Militärdepots des Feindes würden vernichtet, erklärte der Chef der ukrainischen Militäradministration für das Gebiet Luhansk, Serhij Hajdaj. Aber auch die russischen Angriffe hielten an – mit Luftwaffe und Artillerie. Besonders bedroht seien die großen Städte des Donezker Gebiets.

Im südukrainischen Gebiet Mykolajiw wurden nach ukrainischen Angaben bei russischem Artilleriebeschuss mindestens fünf Zivilisten getötet. Es seien 28 Einschläge in verschiedenen Siedlungen registriert worden. Die russische Seite bestätigte den Beschuss von Mykolajiw und sprach von Angriffen auf zwei Kommandoposten der ukrainischen Armee. Es seien mehr als 350 ukrainische Soldaten getötet worden, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau. Die Angaben der Kriegsparteien lassen sich kaum unabhängig überprüfen.

In der international nicht anerkannten „Volksrepublik Donezk“ haben prorussische Separatisten drei Ausländer als Söldner zum Tode verurteilt – zwei Briten und einen Marokkaner. Die Männer hätten aber Berufung eingelegt, sagte Separatistenführer Denis Puschilin im russischen Staatsfernsehen. Sollte der Einspruch zurückgewiesen werden, würden die Männer unter Ausschluss der Öffentlichkeit erschossen. Sie waren Mitte April in der Hafenstadt Mariupol von prorussischen Kämpfern gefangen genommen worden. Mehr als hundert ukrainischen Kämpfern soll demnächst der Prozess gemacht werden.

Trotz der erbitterten Kämpfe trafen sich Vertreter der Ukraine und Russlands am Mittwoch in Istanbul zu Verhandlungen, wie eine ukrainische Getreideausfuhr ermöglicht werden könnte. „Wir sind zwei Schritte von einem Abkommen mit Russland entfernt“, sagte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba der spanischen Zeitung „El País“. „Alles hängt nun von Russland ab“. Bei den Verhandlungen versuchen die Vereinten Nationen und die Türkei zu vermitteln. Russland wird vorgeworfen, den Export von ukrainischem Getreide zu blockieren und damit die Ernährungskrise in der Welt zu verschärfen.

Bemühungen zur Entspannung gibt es auch im Konflikt um den Transitverkehr zwischen Russland und der Ostsee-Exklave Kaliningrad. Die EU-Kommission erstellte neue Leitlinien. Demnach darf Russland auf der Sanktionsliste stehende zivile Güter per Bahn ohne große Einschränkungen durch das EU-Land Litauen bringen. Untersagt bleiben aber Straßentransporte von russischen Speditionen durch EU-Territorium. Zudem dürfen auch per Bahn keine Güter transportiert werden, die auch militärisch genutzt werden können. Die Regierung in Moskau hatte Litauen vorgeworfen, den Warenverkehr zwischen Russland und Kaliningrad unzulässig zu beschränken.

Eine Abtretung von Territorium an Russland als Teil eines Friedensabkommens schließt die Ukraine aber aus. „Das Ziel der Ukraine in diesem Krieg (…) ist die Befreiung unserer Gebiete, die Wiederherstellung unserer territorialen Integrität und die volle Souveränität im Osten und Süden der Ukraine“, sagte Außenminister Dmytro Kuleba am Mittwoch in Istanbul. Ob er damit die Grenzen vom 24. Februar, dem Tag des Kriegsbeginns, meint oder auch die 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim und die von pro-russischen Separatisten kontrollierten Gebiete im Donbass, blieb offen. Derzeit gebe es keine Friedensgespräche mit Russland, fügte er hinzu.

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