Ukrainische Gegenoffensive in Cherson nimmt Fahrt auf

Russische Soldaten in Cherson sollen Verstärkung bekommen © APA/AFP/OLGA MALTSEVA

Die Ukraine macht nach eigenen Angaben und nach Einschätzung des britischen Geheimdienstes Fortschritte bei ihren Bemühungen um die Rückeroberung von Teilen der Südukraine. Im Gebiet Cherson sei es dem ukrainischen Militär dank vom Westen gelieferter Artilleriegeschütze gelungen, mindestens drei Brücken über den Dnipro zu beschädigen. Das erschwere Moskau die Versorgung der besetzten Gebiete und mache die russische 49. Armee am Westufer des Dnipro äußerst verwundbar.

Auch die Stadt Cherson als politisch bedeutendste Stadt in der Region unter russischer Kontrolle sei vom Rest der besetzten Gebiete nun so gut wie abgeschnitten, hieß es weiter. „Ihr Verlust würde die russischen Versuche, die Besatzung als Erfolg darzustellen, ernsthaft untergraben“, betonte das britische Verteidigungsministerium.

Der ukrainische Generalstab teilte am Donnerstag bei Facebook mit, im Gebiet Cherson gebe es aktuell Positionskämpfe, und russische Truppen seien zu Gegenangriffen an der Grenze zum Gebiet Dnipropetrowsk übergegangen. Kiew nährt seit Wochen Hoffnungen auf eine baldige Rückeroberung von Teilen der Südukraine. Der Donnerstag war der 155. Tag seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Bereits am Mittwoch war aus westlichen Sicherheitskreisen verlautet, die Ukraine mache bei ihrer Gegenoffensive im Gebiet Cherson Fortschritte. Angesichts der zerstörten oder beschädigten Brücken, verliere Moskau wichtige Nachschubrouten. Auf russischer Seite gebe es ernsthafte Probleme bei der Versorgung und der Moral der Streitkräfte. „Unserer Ansicht nach ist eine operative Pause unausweichlich“, sagte ein hochrangiger westlicher Beamter.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer Videoansprache mit Blick auf die von ukrainischen Streitkräften bombardierte Brücke über dem Fluss Dnipro im Gebiet Cherson, dass nach der Rückeroberung alles wieder aufgebaut werde. „Wir werden unser ganzes Land mit militärischen, diplomatischen und allen anderen zugänglichen Instrumenten befreien.“ Die Ukraine hat Selenskyj zufolge bisher die Kontrolle über rund 20 Prozent ihres Staatsgebietes verloren. Er forderte vom Westen mehr schwere Waffen, um russische Angriffe zu stoppen und besetzte Gebiete zu befreien.

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Nach Schätzungen aus den USA gehen die Opferzahlen auf russischer Seite längst in die Zehntausende. „Wir wurden darüber informiert, dass mehr als 75.000 Russen entweder getötet oder verletzt wurden, was enorm ist“, zitierte der Sender CNN Elissa Slotkin, eine demokratische Abgeordnete aus dem Repräsentantenhaus, die zuvor an einem geheimen Briefing der US-Regierung teilgenommen hatte. Der Kreml in Moskau wies die in den USA genannten Zahlen als „Fake“ zurück. Dies seien auch keine Angaben der US-Regierung, sondern lediglich Medienberichte, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Aktuelle Angaben der offiziellen Stellen in Russland zu Totenzahlen gibt es nicht. Zuletzt wurde die Zahl von 1.351 Toten genannt. Der US-Auslandsgeheimdienst CIA hatte zuletzt geschätzt, dass auf russischer Seite bereits 15.000 Menschen ums Leben gekommen seien. In der Ukraine gelten die eigenen Verluste als Staatsgeheimnis. Präsident Selenskyj zeichnete allerdings bis Mitte Juli rund 3.500 tote Soldaten postum mit Orden aus. Präsidentenberater Olexij Arestowytsch bezifferte die Verluste Anfang Juni auf „bis zu 10.000“.

Bei einem Raketenangriff auf das zentralukrainische Gebiet Kropywnyzkyj südlich von Kiew wurden der Gebietsverwaltung zufolge am Donnerstag mindestens fünf Menschen getötet und 26 weiter verletzt. Unter den Verletzten seien auch Zivilisten, hieß es in Medienberichten. Bei weiteren Raketenangriffen in der Region Kiew wurden nach Angaben der Online-Zeitung „Ukrajinska Prawda“ mindestens 15 Menschen verletzt. Auch hier seien Zivilisten betroffen.

In der Region Donezk wurden laut Medienberichten mindestens vier Menschen durch russischen Beschuss getötet. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs nähern sich die Kämpfe zwischen den Truppen Kiews und Moskaus im östlichen Kriegsgebiet Donezk weiter den Städten Bachmut und Soledar. Bei Werschyna, südöstlich von Bachmut, habe der Gegner Teilerfolge erzielt, teilte der ukrainische Generalstab mit. Unabhängig sind die Angaben nicht zu überprüfen.

Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn will US-Außenminister Antony Blinken mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow sprechen. Bei dem Telefonat „in den kommenden Tagen“ solle es unter anderem um die Freilassung der in Moskau inhaftierten US-Basketballerin Brittney Griner und ihres Landsmanns Paul Whelan gehen, sagte Blinken am Mittwoch. Auch die Einhaltung des Abkommens zum Export von Getreide aus der Ukraine will der US-Außenminister ansprechen. „Die Vereinbarung ist ein positiver Schritt nach vorn, allerdings gibt es einen Unterschied zwischen einer Vereinbarung auf dem Papier und einer Vereinbarung in der Praxis“, mahnte Blinken.

Mit Blick auf die Energiekrise in Europa bot Selenskyj der EU eine Unterstützung mit Strom aus seinem Land an. „Wir bereiten uns auf die Erhöhung unseres Stromexports für die Verbraucher in der Europäischen Union vor“, sagte er. „Unser Export erlaubt es uns nicht nur, Devisen einzunehmen, sondern auch unseren Partnern, dem russischen Energiedruck zu widerstehen“, sagte er mit Blick auf die von Russland deutlich reduzierten Gaslieferungen.

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