Umweltstandards und Triggerwarnungen: Neue Seiten bei Haymon

Druck und Papier nach dem höchsten verfügbaren Umweltstandard, dem „Cradle to Cradle“-Zertifikat, Triggerwarnungen in den Büchern, die für gehörige Aufregung in der Branche geführt haben, und vor allem – ein Verlagsprogramm, das in Inhalt und Gestalt kaum wiederzuerkennen ist. Im 40. Jahr seines Bestehens ist vieles neu beim Innsbrucker Haymon Verlag. „Wir haben uns die Frage gestellt, wie ein Verlag etwas für die Zukunft beitragen kann“, sagt Katharina Schaller.

Schaller ist Verlagsleiterin im Haymon Verlag und auch selbst Autorin („Unterwasserflimmern“, 2021). Nicht nur die Gesellschaft, auch der 1982 gegründete Verlag habe sich immer wieder gewandelt, betont sie im Gespräch mit der APA. Doch die Themen und Fragen, mit denen man derzeit konfrontiert werde, scheinen auch in der Buchbranche ganz neue Seiten aufzuschlagen. Es geht um alle Aspekte der Repräsentation, um Diversität, um das Geschlechterverhältnis, aber auch um Umweltbewusstsein. In dem von Grafikdesignerinnen pfiffig gestalteten Verlagsprospekt werden nicht nur Autoren und Autorinnen, sondern auch Illustratorinnen und Übersetzer vorgestellt, ein Beispiel für das Bewusstsein, dass auch das Herstellen von Büchern Teamarbeit ist. Krimis und Gedichtbände gibt es zwar nach wie vor im Programm, aber auch das Romandebüt der in Angola geborenen Künstlerin Yara Nakahanda Monteiro oder ein Buch, in dem Phenix Kühnert „über trans Sein und mein Leben“ erzählt – für Schaller „ein Buch, das einem nie mehr aus dem Kopf gehen wird“.

In dem Tiroler Verlag hat man die Türen zur Welt weit aufgemacht. „Wir wollten bewusst raus aus dem Elfenbeinturm, in dem Verlags- und Buchbranche noch häufig gefangen sind. Wir haben uns etwa gefragt, welche Stimmen wir erzählen lassen können, oder wie wir mit unseren Leser*innen kommunizieren.“ Buch-Blogs seien heute mindestens ebenso wichtig wie die großen Feuilletons. Für großes Aufsehen sorgte die Entscheidung, als erster österreichischer Verlag mit Triggerwarnungen auf der vierten Umschlagseite den potenziellen Käufern „eine weitere Entscheidungshilfe“ anzubieten. „Da wurden sogar Begriffe wie Zensur verwendet. Ich war überrascht, welch große Debatte ein kleiner Satz auslösen kann.“

Intensive Diskussionen gebe es davor auch im Verlag. „Es macht ja keinen Sinn, eine Triggerwarnung in jedes Buch zu schreiben. Dann wird sie nutzlos. Und natürlich machen wir nichts ohne Zustimmung der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Es gibt auch welche, die keine Triggerwarnung haben wollen. Aber insgesamt haben wir sehr viele positive Rückmeldungen erhalten. Auch viele Buchhändler*innen sind froh über solche zusätzliche Hinweise.“ Die beträfen etwa Darstellungen von Rassismus oder Sexismus, aber auch von Suiziden. Bei Krimis und Thrillern sei Gewalt im Grunde genre-immanent, gibt Schaller zu, doch auch sonst gehe es nicht darum, die Literatur zu einer Art „Ponyhof ohne Probleme“ zu machen, verteidigt Schaller die vor zwei Programmen getroffene Entscheidung, die immer wieder neu überdacht werde. „Jetzt behalten wir es aber einmal bei.“

Seit Herbst 2019 ist man auch mit erhöhtem Umweltbewusstsein unterwegs. Der Verzicht auf Folieneinschweißung der Bücher gehört mittlerweile bei den meisten Verlagen zum guten Ton, aber bei Haymons Tochterverlag Löwenzahn schaut man darauf, dass alles umweltschonend und nachhaltig ist, vom Papier über die Druckfarbe bis zur Verpackung. Das Zauberwort heißt „Cradle to Cradle“, was so viel bedeutet wie „vom Ursprung zum Ursprung“. Die Melker Druckerei gugler* ist weltweiter Vorreiter bei Cradle to Cradle-zertifizierten Printprodukten, bei denen alle Materialien, die für den Druck nötig sind, in den Kreisläufen erhalten bleiben. „Du könntest das Papier unserer Bücher ohne Bedenken neben deinen Tomaten oder Karotten im Garten vergraben, mit der Zeit würde es sich abbauen. Und: Sogar die Asche kann im Gemüsebeet verstreut werden (das ist dann Bio-Superfood für deine Pflanzen)“, wirbt der Verlag, in dem – was Wunder – Titel wie „Das sensationelle Winterhochbeet“ oder „Dancing with Bees“ erscheinen.

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Nur bei Faden und Leim für die Bindung werde in Sachen Nachhaltigkeit weiter geforscht, erklärt Schaller, die auch bei Liefer- und Transportketten noch viel Potenzial sieht. „Es ist klar, dass das alles nicht die Welt verändern wird – aber uns. Für uns bedeutet das sehr viel.“ Deswegen werde es bei Haymon künftig vielleicht ein paar Titel weniger geben, diese werden aber bewusster produziert. Und nachhaltiger für Umwelt und Bewusstsein.

(S E R V I C E – ; )

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