Unausweichliche Wirbelsäulen-OP

Vor Rückenschmerzen ist kaum jemand gefeit. Bewegungsmangel, einseitige Belastung oder Übergewicht sind die häufigsten Faktoren dafür, dass der Rücken Probleme macht. Viele Beschwerden lassen sich durch physikalische Übungen oder Medikamente in den Griff bekommen, doch wenn der Nerv betroffen ist, kann eine Operation notwendig werden. Am Neuromed Campus des Linzer Kepler Uniklinikums werden jährlich an die 1600 Wirbelsäulenoperationen vorgenommen, ein Zehntel davon mit der minimalinvasiven O-Arm-Methode.

Als Gründe für einen operativen Eingriff nennt Univ.-Prof. Andreas Gruber, Vorstand der Linzer Universitätsklinik für Neurochirurgie, bei einem Bandscheibenvorfall, „wenn der Nervenschmerz nach acht bis zwölf Wochen trotz medikamentöser Behandlung nicht besser wird, bereits eine Lähmung besteht oder es zur Störung des Muskelsystems von Blase oder Darm gekommen ist“.

Operiert werden muss auch, wenn ein Wirbelbruch vorliegt, ein bösartiger Tumor die Wirbelsäule betrifft, eine massive Infektion oder in äußerst seltenen Fällen eine Rückenmarksblutung aufgetreten ist. Liegt eine Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) vor, verweist das Linzer Spital an die Spezialisten in Wien-Speising.

„Grundsätzlich heilt die Natur einen Bandscheibenvorfall selbst, allerdings dauert es in der Regel drei Monate bis die lädierte Bandscheibe, in die sich viel Wasser eingelagert hat, wieder auf ihre ursprüngliche Größe geschrumpft ist. Bei älteren Menschen sind die Bandscheiben zäher und trockener. Mit einer Infiltration in den betroffenen Wirbelkanal kann der Schmerz zwar genommen werden, indem der Nerv betäubt wird. Das Risiko dabei ist jedoch, dass sich der Patient rasch wieder gut fühlt, der Nerv aber noch nicht von der vergrößerten Bandscheibe befreit ist. Wenn der Druck weiterhin besteht, kann nach einer Woche eine Lähmung auftreten. Es kann zudem die Kraft nachlassen und auch das Temperaturempfinden ausfallen“, schildert Gruber.

Am häufigsten betroffen sind die Lendenwirbel am Übergang zum Kreuzbein und die Halswirbelsäule, weil letztere besonders beweglich ist. Die Brustwirbel sind hingegen durch den Brustkorb eher geschützt. In der Regel haben es die Neurochirurgen mit Patienten über 40 Jahren zu tun. Frauen sind eher wegen einer Osteoporose (Knochenschwund) betroffen, bei Männern wirkt sich die oft jahrelange körperliche Belastung negativ aus.

Enger Wirbelkanal muss freigestanzt werden

„Fällt eine Bandscheibe infolge einer Abnützung zusammen, kommt das einem Haus, das ein Stockwerk verliert, gleich. Dadurch kann das Loch, aus dem der Nerv durch den Wirbelkanal hinausgeht, zu eng sein – es kommt zu einer Wirbelsäulenstenose. Dann muss der Knochenkanal freigestanzt werden, um dem Nerv wieder Platz zu geben“, erläutert der Neurochirurgie-Primar. Häufig kann es neben der knöchernen Enge auch dazu kommen, dass die erkrankten Bandscheiben zu einer instabilen Wirbelsäule beitragen. Der Nerv bekommt dann bei jeder Bewegung von allen Seiten eine drauf“, erläutert Gruber anschaulich. Das heißt, wenn die das Rückenmark verlassenden und durch die knöcherne Wirbelsäule in den Körper ziehenden Nervenstränge durch eine Fehlhaltung – in Kombination mit einer Instabilität oder einem Wirbelgleiten komprimiert werden – tritt langfristig eine mechanische Schädigung der Nerven auf. Eine Stabilisierungsoperation wird nötig. Um die Fehlhaltung zu korrigieren, wird der betroffene Wirbelbereich durch zwei halbseitige Implantate (Cages) aus Titan oder speziellem Kunststoff versteift. Je nach Eingriff kann der Operateur aus etwa 100 verschiedenen Implantaten, die zwei bis drei Zentimeter breit, ein bis 1,5 cm tief und einen Zentimeter hoch sind, wählen und dabei auch eine gewisse Krümmung der Wirbelsäule korrigieren.

Interoperatives CT erleichtert den Eingriff

Die sogenannte O-Arm-Methode wird angewendet, wenn eine Verschraubung der Wirbelsäule nötig wird, erläutert Gruber: „Dabei handelt es sich um ein interoperatives Computertomografie-Gerät (CT), das dreidimensionale Datensätze zeigt und mit dessen Hilfe einzelne Operationsschritte, z. B. das Setzen der Schrauben navigiert werden können. Der Eingriff erfolgt in zwei Schritten, zunächst wird der Platzhalter (Cage) von der Flanke her eingesetzt, dann wird der Patient auf den Bauch gedreht und die O-Arm-navigierte Verschraubung vorgenommen. Während des Eingriffs werden Schnittbilder des erkrankten Wirbelsäulenabschnitts angefertigt und die ideale Lage der Implantate errechnet. Der Operateur kann damit über einen kleinen Hautschnitt, den idealen Winkel, die Tiefe und Größe einer Schraube bestimmten und vom bildgebenden Verfahren gelotst ideal platzieren.“ Je nach Länge der Wirbelsäulen-Fusion sind zwischen vier und zwölf Schrauben, die nacheinander implantiert werden, erforderlich. Am häufigsten wird nur ein Segment stabilisiert. „Diese Operation dauert im Normalfall pro Schritt zwei Stunden. Werden mehr als zwei Segmente versteift, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre die Anschlusssegmente ein Bandscheibenproblem bekommen, weil diese mehr beansprucht werden“, weiß der Klinikvorstand aus Erfahrung.

Patienten erholen sich rascher

„Die Vorteile der O-Arm-Methode liegen nicht nur in der präziseren Planung und Durchführung der Verschraubung, wodurch weniger Schrauben falsch liegen. Der Patient hat durch den minimalinvasiven Eingriff kleinere Schnitte und geringere Gewebetraumata sowie einen geringeren Blutverlust und eine niedrigere Komplikationsrate. Es kommt auch seltener zu einem Revisionseingriff“, betont Gruber, der auch die mühsame Rekonvaleszenz von Patienten mit einem herkömmlichen großen Eingriff kennt. Nach acht Tagen kommen die Nähte heraus, nach zehn Tagen darf der Patient im Normalfall das Krankenhaus verlassen.

Von endoskopischen Eingriffen an der Wirbelsäule, Lasertechniken und Ozonbehandlungen hält der Linzer Neurochirurgie-Professor jedoch wenig, denn Komplikationen, dass etwa ein Nerv verletzt wird oder die Bandscheibe nicht komplett entfernt werden konnte, seien oft viel größer als bei der O-Arm-Methode.

Neben Bandscheiben-Operationen stehen auch Eingriffe wegen eines Wirbelbruchs – von einer kleinen Absplitterung bis zum totalen Trümmerbruch – am Programm, etwa in Folge eines Ski- oder Autounfalls. „Selbst, wenn das Rückenmark bereits zerrissen und eine Querschnittlähmung eingetreten ist, geht es darum, die Wirbelsäule so zu stabilisieren, dass sich der Betroffene im Rollstuhl aufrecht halten kann. Je nach Schwere des Unfalls liegt das Zeitfenster, um eine Querschnittslähmung noch abzuwenden, in der Regel bei sechs bis 24 Stunden. Sind Blase oder Mastdarm betroffen, läuft die Zeit noch rascher davon. Bereits nach zehn, zwölf Stunden kann das Problem irreversibel sein“, weiß der Experte.

„Als langwierig“ bezeichnet Gruber infektiöse Bandscheiben-Entzündungen, die meist medikamentös behandelt werden. Wenn sich aber im Rückenmarkskanal große „Eiterseen“ bilden, muss operiert werden. Etwa fünf Mal im Jahr werden Patienten mit einer Rückenmarksblutung in den Neuromed Campus eingeliefert. Auch bösartige Tumore, die Metastasen bilden, werden in der Regel operiert und danach die betroffene Stelle bestrahlt.

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