Und jetzt die großen Fragen

Linzer Musiktheater zurück mit einem Premierenreigen über Pfingsten

Jeder glaubt etwas, muss gar nicht religiös sein. Das Tanzstück „Credo“ verhandelt Intimes und Persönliches.
Jeder glaubt etwas, muss gar nicht religiös sein. Das Tanzstück „Credo“ verhandelt Intimes und Persönliches. © Vincenzo Laera

Freiheit! Glaube! Und Ungewissheit. Vielleicht Aufbruch. Komische Lage gerade, die Pandemie hat auch die Bedeutung der Wörter verändert. „Freiheit“, das saisonale Motto des Linzer Landestheaters, war mindestens gut gemeint.

Derzeit ein „Wendepunkt“, wie Matthias Davids, der Leiter der Sparte Musical, mutmaßt? Zurück in die alte Normalität oder „Normalität“ neu definieren? „Ich glaube, dass Zweiteres der Fall ist“, sagt Davids.

Neue Welt, Flüchtigkeit

Wer hätte vor 25 Jahren, bei der Uraufführung von „Songs For A New World“ nach Musik und Gesangstexten von Jason Robert Brown, an die Zuspitzung der Fragen heute gedacht? 16 Minidramen, in denen Menschen vor einer Entscheidung stehen, die ihr ganzes Leben umkrempeln kann. Ob nun auf einem spanischen Flüchtlingsschiff im Jahre 1492 oder im Manhattan der Gegenwart.

Ab morgen, 19. Mai, darf sich die Kunst wieder einigermaßen frei im quasi öffentlichen Raum bewegen. Das Musical „Lieder für eine neue Welt“, das morgen Premiere hat, ist einer von vier Teilen eines Premierenreigens, mit dem das Linzer Musiktheater notgedrungen arg verspätet in eine nachpandemische (?) Saison startet. Simon Eichenberger – dem hiesigen Publikum etwa durch die Choreografie von „In 80 Tagen um die Welt“ bekannt, dafür 2017 mit dem Deutschen Musicaltheaterpreis ausgezeichnet – inszeniert die „Lieder“.

Eichenberger ist auch für Bühne und Ausstattung verantwortlich. Nur ein Detail, poetische Umsetzung des flüchtigen Moments, womöglich eine der Lektionen der vergangenen Monate: Eichenberger integriert „One-Liner“ des Videodesigners Jonatan Salgado Romero in die Aufführung – Zeichnungen mit einem Strich, die während des Gesangs entstehen und Browns vielschichtige Lieder mit Blick auf das Heute interpretieren.

Liebe und Zwietracht

Gibt es Strukturen und Gewohnheiten, die sich nicht und nicht aufbrechen, verändern lassen? Vincenzo Bellinis Oper „I Capuleti e i Montecchi“, Premiere am Samstag im Großen Saal des Musiktheaters, handelt vom weltberühmtesten Liebespaar und stellt die verfeindeten Familien ins Zentrum. Die Liebenden ein Spielball, bloß Fußnote. „Der Konflikt ist gesetzt, es wird sich nichts ändern“, benennt Regisseur Gregor Horres das Schlamassel, das sich auch (welt-)politisch weiterdenken lässt.

Mittendrin Julia (Ilona Revolskaya bzw. Elena Gorshunova), bis sie endlich selbst eine – bekanntlich fatale – Entscheidung trifft. Julias Tod an Romeos Seite nahm Horres lustvoll in Angriff: „Bei Belcanto denkt jeder Regisseur, was mach´ ich bloß damit? Aber nein! Es ist ein Kammerspiel auf großer Bühne.“

Glaube und Katze

Ein Ausweg? Der Schweizer Urs Dietrich findet ihn in der Poesie, hat das Tanzstück „Credo“ (Premiere am Freitag in der BlackBox des Musiktheaters) assoziativ und offen gestaltet, „wie ein Gedicht“. 18 Tänzer und Tänzerinnen, denen Dietrich Strukturen vorgab, sie dann aber persönlich das Thema Credo („ich glaube“) ausloten ließ. Zentral die Musik von Arvo Pärt, Dietrich verspricht ein „intimes Stück“: „Wir glauben immer etwas. Und das muss nicht unbedingt mit Religion zu tun haben.“

Am Sonntag dann in der FoyerBühne des Musiktheaters die Uraufführung von „Die Katze, die ihre eigenen Wege ging“, ein Auftragswerk nach einer Short Story von „Dschungelbuch“-Autor Rudyard Kipling. Kammer-Musiktheater für alle ab 6, Landestheater-Intendant Hermann Schneider preist die klassische Form der Tierfabel: „Katzen lassen sich nicht zähmen. Was ist Freiheit, was ist Autorität?“

Von Christian Pichler

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