Und links das Meer

Eine Weit-Wanderung entlang der Ostsee — von Fischbrötchen, schilderlosen Wegen, dänischen Handynetzen, DDR-Alltag und wunderschönen Wegen.

Rein theoretisch ist der E9 ein offizieller Weitwanderweg, wobei das Wort „weit“ hier wortwörtlich zu nehmen ist: Rund 5000 Kilometer führt der Europäische Fernwanderweg von Portugal bis nach Estland. Quasi als Einstieg könnten sich „Geher“ den Abschnitt aussuchen, der die Ostsee entlangführt: Von Travemünde (hier verlief einst die Grenze zur DDR) bis nach Ahlbeck — da befindet sich heute noch, wenn auch fast unsichtbar, die Grenze zu Polen.

Die Realität des E9 sieht allerdings anders aus als in manchen Büchern, Karten und auf Websites beschrieben, denn er existiert de facto nicht (mehr). Auf den rund 400 Kilometern sucht man vergebens nach einem blauen Strich auf weißem Grund — so das offizielle Zeichen, die Jakobsmuschel des E9 also. Das sollte dem Wunsch, sich diesen schönen Flecken Deutschland zu erwandern, aber keinen Abbruch tun.

Mit ein bisschen Kreativität, Spontanität, einer guten Karte (wenn am Handy, unbedingt offline verfügbar: Erklärung folgt!) und dem wichtigsten Leitsatz — das Meer muss immer links sein! — lässt sich das Wandern entlang der Ostsee meistern.

Am schönsten ist es direkt am Meer

Es hat etwas vom Gehen im Schnee, wenn man auf den feinsandigen Stränden entlangwandert, das Wasser zur linken, die Dünen zur rechten Seite, aber die Anstrengung wird durch ein wunderbares Gefühl wettgemacht. Ein Wandern-de-luxe-Feeling stellt sich ein und der Rucksack wird plötzlich ganz leicht, wenn Meer, Sand und die Stunden an einem vorbeiziehen. Wenn dann wie aus dem Nichts eine Strandbar auftaucht, die kühles Bier der Region auf der Karte und bequeme Liegestühle im Programm hat, …

Nebst Wanderungen direkt an der See entlang bieten sich auch jene auf den Dünen an. Windgeschützter und auch gelenkschonender geht es da je nach Region dahin. Dahinter wechseln sich waldige Gebiete mit Moor und sogenannter Boddenlandschaft ab. Bodden sind durch Inseln oder Landzungen vom Meer abgetrennte flache Küstengewässer. Eines ist es — fast — immer: flach.

Eine Ausnahme macht Deutschlands größte Insel Rügen. Steilküsten trennen den Strand von den hochgelegenen Dünenrücken und verlangen eine gewisse Kletterkunst bzw. die Suche nach einem sicheren Aufstieg. Dann geht’s bergauf- und -ab dahin, meist das Meer in Blick-, jedenfalls in Hörweite. Zwar führt der E9 nicht auf Rügen, den Abstecher von der wunderbaren Stadt Stralsund aus sollte man sich gönnen. Die Hansestadt Stralsund eignet sich hervorragend für ein, zwei Tage Wanderpause. Das Meeresmuseum Ozeaneum, die Gorch Fock I, die vielen Fischbrötchenbuden und Cafés verführen zum Verweilen.

Apropos Fischbrötchen: Sie sind mit Abstand das beste Mittel, sich entlang der Ostsee kulinarisch zu versorgen. An gefühlt jeder Ecke wartet eine jener Buden, die Fisch in jeder erdenklichen Form in Brötchen stopft und verkauft: eingelegter Bismarck, Matjes, Backfisch, geräucherter Butterfisch, .. und eigentlich muss man gar nicht wissen, was was genau ist, denn herrlich schmecken die kleinen Mahlzeiten alle. Lecker, wie man im hohen Norden sagen würde. Ähnliche Glücksgefühle löst auch die Nationalsuppe der DDR aus, die Soljanka. Ein Eintopf russisch-ukrainischen Ursprungs, unserer Gulaschsuppe nicht unähnlich. Viel Gemüse, häufig Wurst und Speck, im besten der Fälle Fisch. Wem das noch nicht reicht, kann in Stralsund auch „Die Fischbrötchenoper“ besuchen … muss er aber nicht.

DDR-Feeling in Wolgast, Raketen in Peenemünde

Bevor es auf die Insel Usedom geht, die bevölkert wird von einem Ostseebad nach dem anderen, kann man sich in Wolgast am Peenestrom, an deren anderem Ende das weitaus bekanntere Peenemünde thront, richtiges DDR-Feeling abholen, original Geschirr in den gastronomischen Einrichtungen inklusive. Peenemünde ist vor allem für seine Raketenentwicklung bekannt. In der Heeresversuchsanstalt wurde zwischen 1936 und 1945 die erste funktionsfähige Großrakete Aggregat 4 (in der NS-Propaganda „Vergeltungswaffe V2) entwickelt und getestet. Peenemünde gilt als „Wiege der Raumfahrt“.

Über Zinnowitz, Bansin, Heringsdorf und schließlich Ahlbeck nähert man sich gemütlich an Promenaden entlangspazierend der Grenze zu Polen. Dabei begegnen einem nicht nur entspannte Pensionisten, sondern auch durchaus Kurioses, das mehr an SciFi erinnert als an den tiefen Osten: Tauchglocken für Jedermann, Liftcafés, futuristische „Baywatch-Hütten“ …

Ach ja, Dänemark: Deutsche Handynetze sind so hoch im Norden schwer verfügbar. Also keine Angst, Sie haben sich nicht massiv im Weg geirrt, wenn plötzlich stundenlang nur noch ein dänisches Netz verfügbar ist.

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