Und sie bewegt sich doch nicht

Islamische Glaubensgemeinschaft sagt Nein zur Evolutionstheorie und erntet auch dafür Protest

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Zwischen den Fronten: IGGÖ-Chef Olgun lehnt mit Blick auf Islam-Fundis die Evolutionstheorie ab — und stößt damit liberale Muslime in Österreich vor den Kopf. © APA/Hochmuth

Von Manfred Maurer

Aufregung unter Österreichs Muslimen nach einem VOLKSBLATT-Bericht: Ein Sprecher der Türkisch-Islamischen Union in Österreich (Atib) und der Chef der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), Ibrahim Olgun, hatten sich vorige Woche vom Beschluss der türkischen Regierung distanziert, Darwins Evolutionstheorie aus den Schulen zu verbannen. Dem oö. Landesschulrat war sogar eine schriftliche Erklärung übermittelt worden, die darlegt, wie islamische Religionslehrer die Evolutionstheorie im Unterricht behandeln sollten. „Der Islam steht immer für einen überzeugten, durch Wissenschaft belegten Glauben“, so Olgun.

IGGÖ-Chef im Fundi-Visier verflucht das VOLKSBLATT

Nachdem der Bericht von türkischen Medien übernommen worden war, hagelte es allerdings Proteste türkischer Fundis, die Darwins Theorie als Teufelszeug betrachten. „Türkisch-sprachige Bürger haben das gelesen und waren verwundert, wie kann der Präsident so etwas sagen“, so IGGÖ-Sprecherin Sevgi Kircil.
Olgun reagierte rasch: In einer auf Türkisch verfassten Stellungnahme gegenüber dem Online-Portal Havadis.at warf er dem VOLKSBLATT mit drastischen Worten „Verleumdung“ vor. „Wir verfluchen diesen Bericht“, heißt es da unter anderem. Damit sollte wieder Ruhe einkehren in der islamischen Gemeinde.
Doch die IGGÖ fährt offenbar eine doppelte Kommunikationsstrategie — eine für die türkischstämmige und eine für die deutschsprachige Öffentlichkeit. Die auf der türkischen Schiene gegen das VOLKSBLATT erhobenen Vorwürfe werden nämlich auf Anfrage nicht wiederholt. Im Gegenteil: „Die Aufregung ist nicht gegen das VOLKSBLATT gerichtet, sondern gegen Havadis.at“, sagt Sprecherin Kircil und räumt ein, dass Olguns Aussage missverständlich war. Dessen Bekenntnis zu einem „durch Wissenschaft belegten Glauben“ lasse nämlich auch die Interpretation zu, dass er die Evolutionstheorie befürworte. Genau das taten türkische Medien, obwohl das VOLKSBLATT nur berichtet hatte, Olgun befürworte die Behandlung der Darwin’schen Lehre im Religionsunterricht (was noch nichts über seine Einstellung zur Theorie an sich aussagt). Kircils Rat an den Chef: „Er hätte sagen müssen, ich bin persönlich gegen die Evolutionstheorie.“ So wird das nun auch kommuniziert. Die IGGÖ lehnt die Evolutionstheorie ab.
Damit dürften islamische Fundis und türkische Regierung beruhigt sein. Nicht jedoch jene Muslime in Österreich, die wie die Türkische Kulturgemeinde (TKG) finden, dass „weder Allah noch der Koran gegen Darwin“ sind.

„Allah und Koran nicht gegen Darwin“
Türkische Kulturgemeinde wirft IGGÖ vor, Österreichs säkulare Mulime nicht zu vertreten

Die Ablehnung der Evolutionstheorie durch die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) sorgt in der muslimischen Gemeinde für Kritik. „Ich bin ein überzeugter Muslim“, sagt Birol Kilic, Obmann der Türkischen Kulturgemeinde (TKG), „aber ich bin auch überzeugt: Weder Allah noch der Koran sind gegen Darwin!“

Dawins Theorie nicht in Hinterhöfen in Frage stellen

Die im Koran verwendeten Begriffe zur Schöpfung seien „Metaphern ohne wissenschaftlichen Anspruch, weil der Koran keine Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse ist“, so Kilic zum VOLKSBLATT. Vielmehr werde im Koran der Verstand als Quelle für wissenschaftliche Erkenntnisse erwähnt. Kilic verweist darauf, dass der persische Philosoph Ibn Miskawayh schon 800 Jahre vor Darwin eine Art von Evolutionstheorie beschrieben hat.
Alle Kinder muslimischen Glaubens sollten die Evolutionstheorie lernen und zwar, so Kilic, „unter der Voraussetzung, dass diese nicht in Hinterhöfen von Vereinen, Verbänden und Religionsgemeinschaften in Frage gestellt wird“. Der TKG-Chef kritisiert auch, dass die IGGÖ „nur die Sunniten und die Konservativen, nicht aber die modernen und säkularen Muslime vertritt“.

Birol Kilic: Evolutionstheorie hat festen Platz in islamischer Ideengeschichte. (c) privat