Und wie halten Sie es mit dem Sex?

Geglückte „Reigen“-Premiere bei den Salzkammergut Festwochen

2022 - Theaterstck
2022 - Theaterstck "Der Reigen" von Arthur Schnitzler, im S © Rudi Gigler

Man denkt: Ich sitze in einer dieser Inszenierungen, wo die Distanz zum ursprünglichen Text so groß ist, dass nur noch eine blutleere Hülle im grell ausgeleuchtetem weißen Kubus übrigbleibt. Gestalten in schwarze Kapuzenumhänge gehüllt treten auf, als wären sie aus Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ entstiegen. Die Dirne spricht mit den Stimmen aller im Chor, da teilen sich Frau und Mann eine Rolle, tragen mit riesiger Distanz zu sich und zum Publikum Texte vor.

Auch solche Beziehungen gibt es, und es nährt sich an diesen Bildern die Befürchtung, dass wir, das Publikum, eben genau das über Arthur Schnitzlers „Reigen“2022 erfahren werden: Blutleer, distanziert, aber grell ausgeleuchtet läuft es zwischen uns Menschen heute ab.

Doch! Regisseur Franz-Xaver Mayr und sein hervorragendes Ensemble, mit dem er für die Salzkammergut Festwochen Gmunden eine lange Durststrecke eigener Theaterproduktionen beendet, lässt uns, so scheint’s, nur ein bisschen zappeln.

Er habe sich erlaubt, den über einhundert Jahre alten Text in sein Heute zu holen, sagte der aus Hallein stammende Regisseur im Gespräch mit dem VOLKSBLATT. Doch sitzt man vor der Bühne des Gmundner Stadttheaters stellt sich die Frage nach der Zeit nicht. Die Menschen auf jener Bühne begehren einander, oder tun jedenfalls so. Sie suchen und wollen sich, stoßen sich wieder ab, geilen sich aneinander auf, langweilen sich, belügen sich und öffnen sich bis ins Innerste.

„Saftiges“ im Epizentrum der Sommerfrische

In zehn Begegnungen hat Schnitzler das Stück strukturiert, die Dirne begegnet dem Soldaten, der Soldat dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen dem jungen Herren … Mayr nimmt sich diesen Text und macht in sich zu eigen. Kompromisslos, vielleicht rücksichtslos, aber nicht respektlos. Er lässt Menschen aufeinanderprallen, seziert die Psyche der einen, lässt andere alternative Möglichkeiten eines Zusammenseins erproben und bricht die Wände des Theaters auf, um uns Einblick ins Entstehen zu geben.

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Die Ausflüge in die Metaebene glücken unterschiedlich: herrlich die Dekonstruktion der Szene Schauspielerin und Graf. Hier wird für Anziehung vorgesprochen, hier erarbeiten sich die Schauspieler ihren Job. Aufgesetzt hingegen die Begegnung zweier Freundinnen des süßen Mädels abseits der Handlung.

Vor Beginn verspricht die ehemalige Burgtheater-Chefin Karin Bergmann, die die Theatersparte in Gmunden mit dieser Saison übernommen hat, „saftiges Theater“, trotz coronabedingter Pausen, Umstellungen und Ausfällen und Neubesetzung.

Geschadet hat nichts, die ganz kurzfristig eingesprungene und mit Textheft agierende Elisa Plüss, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, überzeugt — trotzdem — vollends. Auch die Kollegen von Landestheater Niederösterreich und des MUK-Abschlusslehrgangs machen hervorragende Figur auf der Bühne. Besonders ins Auge stechen Dorothee Hartinger, Sebastian Wendelin und Tim Breyvogel.

Und wie halten Sie es mit dem Sex? Diese Frage stellt sich bei Schnitzlers einstigem Skandalwerk immer, hat der Dramatiker doch die Szenen des Geschlechtsverkehrs als schnöden Strich dargestellt, Mayr wählt orgastische, verzückte und entrückte Verrenkungen und Geräusche, die auch tief ins Komödiantische reichen.

Den Salzkammergut Festwochen ist ein sehr guter Wiedereinstieg ins aktive Theatergeschehen geglückt. Am Traunsee, dem Epizentrum der Sommerfrische, geht Theater im Sommer höchst aktuell, modern, prägnant und unterhaltsam.

Von Mariella Moshammer

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