Ungarischer Funktionär zieht „Gaskammer“-Erklärung zurück

Der Leiter des Budapester Petöfi-Literaturmuseums, Szilard Demeter, hat am Samstag dem US-Investor und Philanthropen George Soros vorgeworfen, Europa zu seiner „Gaskammer“ gemacht zu haben. Nach heftigen Protesten von in- und ausländischen Politikern, Diplomaten, jüdischen und nicht-jüdischen Organisationen zog Demeter am Sonntag den Kommentar zurück.

„Meinen Kritiker gebe ich insofern Recht, als dass Nazi-Zuschreibungen heutzutage eine Relativierung bedeuten und Nazi-Vergleiche selbst unwillkürlich das Andenken der Opfer verletzen“, schrieb er in einer Erklärung, die das regierungsnahe Portal index.hu veröffentlichte. Der 44-jährige Literaturfunktionär genießt in Fragen der Kulturpolitik das uneingeschränkte Vertrauen des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban.

In dem für ebenfalls das regierungsnahe Internet-Portal origo.hu verfassten Beitrag hatte er unter anderen geschrieben: „Aus den Fässern der multi-kulturellen offenen Gesellschaft entströmt das Giftgas, das für die europäische Lebensform tödlich ist.“ Soros setzt sich für eine offene, liberale Gesellschaft ein und fördert weltweit Organisationen, die für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit eintreten.

Demeter hatte sich zum EU-Haushaltsstreit geäußert, bei dem Ungarn und Polen wichtige Budgetbeschlüsse im Umfang von 1,8 Billionen Euro mit ihrem Veto blockieren. Die beiden mitteleuropäischen Länder wollen auf diese Weise verhindern, dass ein neuer Rechtsstaatsmechanismus wirksam wird. Dieser droht Ländern, deren Regierungen in die Unabhängigkeit der Justiz eingreifen, mit dem Entzug von EU-Hilfen.

Demeter schrieb: „Die ‚Liberal-Arier‘ (Liberalen) wollen jetzt die Ungarn und die Polen aus jener politischen Gemeinschaft hinauswerfen, als deren Angehörige sie Rechte haben. Wir sind die neuen Juden.“ Der in Ungarn geborene Holocaust-Überlebende Soros sei der „liberale “Führer„“, schrieb er unter Nutzung der deutschen Bezeichnung für den NS-Diktator Adolf Hitler.

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Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, verurteilte die Einlassungen. „Nicht nur in Ungarn sind Holocaust-Überlebende angesichts dieser bizarren und hasserfüllten Hetze angewidert und entsetzt.“ In Ungarn protestierten unter anderen die israelische Botschaft und der jüdische Dachverband Mazsihisz.

Der Verband Ungarische Jüdischer Glaubensgemeinden protestierte am späten Samstagabend gegen die Aussagen. Es sei „geschmacklos, Europa als Gaskammer zu bezeichnen“, und für den Leiter einer staatlichen Einrichtung sei dies 75 Jahre nach Auschwitz „unverzeihbar“, teilte der Verband mit. „In Auschwitz wurden mehr als 430.000 Ungarn vergast.“ Wer das im Zusammenhang mit aktuell politischen Fragen relativiere, sei unsensibel gegenüber „den Schmerzen der ungarischen Geschichte und des ungarischen Judentums des 20. Jahrhunderts“.

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