Unsere Frau am Dom

Die Arbeit am Bau ist körperlich anstrengend, schmutzig und nicht ganz ungefährlich – ein typischer Männerberuf eben. Trotzdem ist seit März mit der Deutsch-Griechin Evangelia Papathanasio eine Steinmetzin an der aufwändigen Sanierung des Linzer Mariendoms beteiligt. Im Gespräch mit dem VOLKSBLATT gibt sie Einblicke in ihren Beruf und erzählt, was ihr an der oberösterreichischen Landeshauptstadt gefällt.

Evangelia Papathanasio ist nicht nur ein Fan des Mariendoms, sondern auch der Stadt Linz. © Mariendom Linz

„Ich habe in den vergangenen Jahren eine Art Nomadenleben geführt, bin von Baustelle zu Baustelle gezogen“, erzählt die 30-Jährige, die ihre Arbeitszeit meist in luftigen Höhen von bis zu 134 Metern verbringt, im Gespräch mit dem VOLKSBLATT. Als sie im Vorjahr im Internet das Jobangebot in Linz las, fackelte die gelernte Marmorbildhauerin, die in München aufwuchs und neun Jahre lang in Griechenland lebte und arbeitete, wo sie vor allem antike Skulpturen restaurierte, nicht lange und vereinbarte ein Bewerbungsgespräch mit Domhüttenmeister Gerhard Fraundorfer – mit Erfolg.

„Für mich war von Anfang an nicht nur das Projekt interessant, sondern mir war auch die Stadt sympathisch. Außerdem wollte ich an einem Ort wieder einmal längere Zeit sein“, sagt die junge Frau, die nach eigenen Angaben seit dem Frühjahr schon einiges an Muskelmasse zugelegt hat.

Ursprünglich für drei Jahre engagiert, gehört Evangelina Papathanasio nun fix zu dem zehnköpfigen Team an Steinmetzen, die für die sehr aufwändige Restaurierung am Turm des Linzer Wahrzeichens verantwortlich zeichnen. Denn Geduld und Ausdauer sind neben handwerklichen Fertigkeiten Tugenden, die bei dieser Tätigkeit gefragt sind. So dauert es im Schnitt drei Tage, bis man lediglich einen Quadratmeter Fläche sandgestrahlt hat – und das in einem Ganzkörperanzug. Schwindelfrei, furchtlos und wetterfest muss man in dieser Höhe ohnehin sein – nur wenn ein Gewitter im Anzug ist, wird die Arbeit aus Sicherheitsgründen eingestellt.

Arbeit ist sinnstiftend

„Ich bin froh, dass ich diese Chance, einmal in einer Dombauhütte zu arbeiten, ergriffen habe. Die Arbeit ist erfüllend und ich sehe vor allem einen Sinn darin“, betont die 30-Jährige. Es sei etwas Besonderes, bei den schönen Dingen, die die Menschheit geschaffen habe, einen Fingerabdruck hinterlassen zu können und dabei mitzuhelfen, dass dieses Bauwerk erhalten bleibt.

Die Steinmetzin bezeichnet es als faszinierenden Gedanken, dass alles, was zur Zeit der Errichtung des Linzer Mariendoms technisch, wissenschaftlich und vom Material her möglich war, zusammengeführt werden konnte, um dieses Gebäude zu erreichten. „In dieser Höhe zu arbeiten, ist wie in einer anderen Welt zu sein. Man ist jeden Tag schon fast im Himmel“, schmunzelt Papathanasio, die im Jahr 2016 ihr Diplomstudium der Kunst in Athen abschloss. Ihr Ziel sei es, dass der Turm so bald wie möglich in neuem Glanz erstrahlt.

Der Umzug in die oberösterreichischen Landeshauptstadt ist der Deutsch-Griechin nicht schwer gefallen. Schließlich leben die Eltern, die sie schon zwei Mal in Linz besucht haben, nicht weit entfernt in der Hauptstadt Bayerns. Außerdem hat Linz für die kunst- und kulturinteressierte Frau, die selbst viel malt, Skulpturen fertigt und Weinetiketten gestaltet, einiges zu bieten.

In kurzer Zeit zum Linz-Fan geworden

Sie besucht aber nicht nur gerne Museen und geht in Ausstellungen, sondern genießt auch die Aufenthalte in der Natur, geht wandern, radfahren und schwimmen. Auch vom Essen in Oberösterreich ist sie angetan. „Mir schmeckt die Linzer Torte und auch Schweinsbraten hab’ ich natürlich schon gegessen.“ Mittelfristig kann sich die Steinmetzin sogar eine Familiengründung an ihrem neuen Arbeits- und Lebensmittelpunkt vorstellen.

Domhüttenmeister Gerhard Fraundorfer zeigt sich jedenfalls erfreut, dass eine Frau im jungen Team ist, denn das wirke sich gut auf das Betriebsklima aus. „Wird es der Kollegin einmal zu schwer, packen die Männer zu. Es gibt ein nettes Miteinander“, sagt der Chef der 30-Jährigen. Ihre körperliche Unterlegenheit würden die Frauen bei der Arbeit durch größere Ausdauer kompensieren. Generell übe die Dombauhütte europaweit einen Anziehungskraft auf Steinmetze aus, denn das Arbeitsumfeld sei ein völlig anderes als bei den meisten Baustellen. Zudem sei man ständig von Kunst umgeben, so Fraundorfer.

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