VALIE EXPORT: „Linz ist besser als früher“

Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT wird im Mai 80

VALIE EXPORT wurde am 17. Mai 1940 als Waltraud Lehner in Linz geboren.
VALIE EXPORT wurde am 17. Mai 1940 als Waltraud Lehner in Linz geboren. © APA/Fotokerschi.at

Waltraud Lehner aus Linz alias VALIE EXPORT wird am 17. Mai 80 Jahre und feiert wegen Corona nicht.

Einen Wunsch hat die Medien- und Performancekünstlerin von internationalem Rang dennoch: Energie, um so weiterzumachen wie bisher. Dass sie trotz Kirchenaustritts die neue Orgel in der Pöstlingbergkirche in Linz gestaltet, überrascht sie selber.

KERSTIN SCHELLER: In Zeiten von Corona ist die Frage „Wie geht es Ihnen?“ freilich die erste.

VALIE EXPORT: Mir geht es derzeit so wie vielen, vielen anderen Menschen, man ist alleine zu Hause. Wenn man herausschaut, versteht man es eigentlich nicht, warum es so gefährlich ist, und ich muss manchmal wirklich nachdenken: Ist das alles Realität? Aber es ist so, man hat natürlich auch Bedenken, wie das alles ausgehen wird. Erinnerungen an die Nachkriegszeit kommen mir aber nicht, da wir ja in einem Wohlstand leben.

Zu Ihrem 80er waren in Linz im Lentos und in der Landesgalerie Sammlungssonderschauen geplant, die jetzt auf Eis liegen. Das Crossing Europe Filmfestival will das Tribute für Sie im Rahmen des Ars Electronica Festivals im September zeigen …

Ich hatte Pläne, aber die waren natürlich nicht Corona-adaptiert. Vielleicht wird im Herbst, was möglich ist, nachgeholt. Es ist halt jetzt allgemein kein Glück bringendes Jahr. Zum Tribute komme ich im September, wenn man ungefährdet reisen kann, natürlich sehr gerne nach Linz.

Was bedeutet der Kultur-Stillstand durch die Pandemie aus Ihrer Sicht für die Künstler und die Szene?

Auf die künstlerische Arbeit hat es natürlich keine Auswirkungen, wenn man alleine im Atelier arbeitet oder einen Computer zur Verfügung hat, insofern kann es kein Stillstand sein. Es entstehen historische Beiträge über diese Zeit. Ich habe mein eigenes Tagebuch, da stehen meine Notizen drinnen. Ich bin jetzt konzentrierter auf die eigenen Gedanken, bin nicht so stark abgelenkt wie normal, da kann man ganz schöne Ideen ausarbeiten. Aber was die Szene betrifft: Man muss die kleinen Kulturstätten unterstützen, denn die sind vor allem für junge Künstler wichtig. Die freie Szene hat soviel Energie, der Staat muss hier im Besonderen mithelfen.

Sie sind mit 20 Jahren von Linz nach Wien gegangen, um aus Ihrem bürgerlichen Leben auszubrechen. Wie ist Ihr Verhältnis heute zu Ihrer Geburtsstadt? Heute gibt es dort in der Tabakfabrik aus ihrem Vorlass ein Forschungscenter.

Nun, ich muss sagen, es ist besser als früher. Damals gab es in Linz kaum Galerien, es war alles sehr reaktionär und sehr zurückhaltend, man hat eine sehr starke Unterdrückung gemerkt. Wenn ich heute nach Linz komme, sehe ich, dass in den letzten Jahrzehnten so wahnsinnig viel passiert ist. Linz ist eine sich immer wieder positiv ändernde Stadt geworden. Es hat sich eine ganz neue Medienkultur etabliert etwa mit dem Ars Electronica Center.

Was hat Sie — aus der Kirche ausgetreten — dazu bewegt, die neue Orgel in der Pöstlingbergkirche in Linz zu gestalten? Das passt eigentlich so gar nicht zu Ihnen, oder?

Stimmt, das hat mich eigentlich auch selber überrascht, und ich habe es mir sehr lange überlegt, ein Konzept zu entwerfen. Aber ich hatte als Kind den Pöstlingberg und auch die Basilika so gerne, sie ist halt auch ein großes Wahrzeichen nach Linz hinunter. Die Erinnerung daran hat mich verführt dazu. Den Orgelpfeifen eine Umgebung zu geben, ist eine spannende Aufgabe.

Und den religiösen Hintergrund blenden Sie aus?

Ja, den blende ich aus. Es ist eine Marienkirche mit sieben Schmerzen. Das trifft auch stark das Frauenbild und geht natürlich auch in das Gedankengut meiner feministischen Überlegung hinein: Wer war die Person Maria? Das ist mir nicht fremd.

Thema Frauenbild: Wie sehen sie als Feministin die „#Me Too“-Bewegung?

Es ist eine ganz, ganz wichtige Debatte, das Nicht-Leugnen, Nicht-Erdulden müssen. Es muss den Männern langsam klar sein, dass es Grenzen gibt. Was mich an „#Me Too“ aber stört, ist, dass Frauen wiederum von Männern verteidigt werden. In den 1970er-Jahren haben wir Aktivistinnen gefordert, alles muss sofort sein. Heute geht immer nur ein bisschen weiter. Das liegt auch daran, dass junge Frauen alles bewältigen wollen, Kinder und Beruf, Männer helfen nicht. Früher hieß es hingegen, wir wollen keine Kinder, wir wollen Karriere machen.

Was wünschen Sie sich zum 80. Geburtstag?

Für uns alle Frieden, Gesundheit und Freude. Klingt sehr pathetisch. Für mich wünsche ich mir vor allem noch viel Energie: Ich will so weitermachen wie bisher.

Mit VALIE EXPORT sprach Kerstin Scheller

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