Vertrackte Familie: Neuer Roman von Michael Köhlmeier

Ein Mann verschwindet. Seine Frau verständigt zunächst nicht die Polizei, sondern ihre in Dublin lebende Schwägerin. Denn „Bruder und Schwester Lenobel“, nämlich Robert und Jetti, sind einander besonders nahe, weiß Hanna. So beginnt der neue Roman von Michael Köhlmeier, der am Montag erscheint und am 13. September im Akademietheater vorgestellt wird – Familiengeschichte und Zeitanalyse in einem.

Als Leser wird man bald stutzig: Als Hanna mit der angereisten Jetti Abgängigkeitsanzeige erstattet, gibt sie sich zwar hysterisch, doch wirkliche Sorgen scheinen sich die beiden Frauen nicht um den Vermissten zu machen. Ihre gemeinsamen Tage in Wien verbringen sie weniger mit Suchaktionen nach dem verschwundenen Psychoanalytiker als mit Gesprächen und Spaziergängen. Viel gibt es aufzuarbeiten zwischen den Schwägerinnen, und statt einer rasanten Kriminalstory entwickelt sich ein ruhiger, sich stetig verbreitender Lesefluss, in dem nur manchmal Stromschnellen eingebaut sind.

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Langjährige aufmerksame Köhlmeier-Leser kennen die Lenobels bereits aus früheren Büchern, vor allem ist ihnen die bald auftauchende und eine Schlüsselposition im Buch einnehmende Figur des Autors Sebastian Lukasser bestens bekannt. Köhlmeier hat sein Alter Ego in seinem großen Roman „Abendland“ ein- und in „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ und „Madalyn“ weitergeführt. In „Bruder und Schwester Lenobel“ ist er ein enger Freund der Familie, und, wie man im Lauf der Lektüre feststellt, Hanna und Jetti nicht nur als Seelenfreund verbunden.

Die Familienverhältnisse, das Beziehungsgeflecht der Freunde – alles ist einigermaßen verworren. Die Lenobels, einander durch eine mitunter traumatische Kindheit eng verbunden und beide „das Lenobeltum“ des sich als etwas Besonderes Fühlen pflegend, entstammen einer jüdischen Familie, die im Holocaust fast vollständig ausgerottet wurde. Robert meldet sich schließlich aus Isreal, „dem Land der Väter“. Dort ist er abgetaucht, um Klarheit über seine Gefühle und seine Zukunft zu gewinnen. In Wien und in Dublin hingegen wird die Situation unterdessen immer unklarer.

Köhlmeier spart nicht an Figuren, Erzählsträngen und Seitenaspekten (einer nimmt das europäische Kulturförderwesen aufs Korn) und leistet sich immer wieder Abschweifungen, Exkurse und Zeitbetrachtungen. Die Welt ist kompliziert, die Psychologie des Menschen ist kompliziert – warum sollte sich ausgerechnet ein Autor als ungebührlicher Vereinfacher betätigen, scheint seine Überlegung zu sein. „Was mit uns geschieht, deckt sich nur selten mit dem, was wir mit uns selbst vorhaben“, sagt Köhlmeier. „Aus diesem Konflikt werden Romane.“ Menschen ohne Geheimnisse, Beziehungen ohne Hintertüren, Geschichten ohne doppelte Böden kommen in diesem Roman jedenfalls nicht vor.

Vor allem rund um die attraktive und lebenslustige Jetti geht es ausgesprochen turbulent zu. Ihre Männergeschichten changieren zwischen Tragödie und Komödie, hier wird lustvoll dick aufgetragen. Einem Analytiker gleich („einen lügenhaften Beruf“ nennt Robert seine eigene Profession), konstatiert und beschreibt der Autor, sucht nach Ursachen und Wirkungen, aber wertet nicht.

Wie vertrackt die Welt und die Literatur sein können, beweist er bei jedem Kapitelanfang aufs Neue. Die Märchen, die er dort erzählt, sind reich und dunkel und keineswegs leicht aufzulösen. Und auch in „Bruder und Schwester Lenobel“ läuft nichts auf eine einfache Botschaft, eine simple Lebensweisheit hinaus. Das würde die Lektüre ermüdend machen, wenn es Köhlmeier nicht gelänge, seine facettenreichen und widersprüchlichen Figuren so zu schildern, dass sie uns interessieren und uns sehr bekannt vorkommen. Ob wir ihre Probleme als unsere eigenen erkennen, hängt dann wohl von jedem einzelnen Leser ab – von seinen eigenen Erfahrungen, aber mehr noch von seiner Bereitschaft zu Selbstreflexion und -erkenntnis.

INFO: Michael Köhlmeier: „Bruder und Schwester Lenobel“, Hanser Verlag, 544 Seiten, 26,80 Euro; Lesungen am 30. August in der Buchhandlung Das Buch, in Dornbirn, Messestraße 2, am 13. September, 20 Uhr, im Akademietheater.