„Viel Zeit, aber kein Leben“

Lisa Webers berührende wie schockierende Doku „Jetzt oder morgen“

Gerald und Claudia, der traurigen Realität entfliehend.
Gerald und Claudia, der traurigen Realität entfliehend. © Takacs Film

„Ich habe viel Zeit, aber kein Leben“, sagt Gerhard einmal. Ein Satz, der betroffen macht, so wie es die ganze, eineinhalbstündige Doku „Jetzt oder morgen“ von Lisa Weber tut, die bei der diesjährigen Berlinale ihre Weltpremiere gefeiert hat.

Gerhard, seine Schwester Claudia und die Mutter der beiden teilen sich eine enge Gemeindebau-Wohnung in Wien. Claudia hat einen kleinen Sohn, Daniel. Die Erwachsenen sind arbeitslos, verbringen einen Großteil der Zeit in den vier Wänden, vor Fernseher, Computer oder Handy, essend, rauchend, schlafend.

Geredet wird nicht viel. Während ihre Mutter im Internet auf Jobsuche geht, sieht Claudia — ohne Hauptschulabschluss — für sich selbst keinerlei Chancen und lässt alle Bemühungen gleich sein. Gerhard ist lieber LKW-Fahrer im Internet als auf der echten Straße: „Simulator ist leiwand, aber der Rest nicht.“

Über all dem liegt eine schwere Last: Es fehlt an Hoffnung, an Motivation, an Perspektiven, Stillstand lähmt diese Menschen. Weber begleitete die Familie vier Jahre mit der Kamera, kam den Mitgliedern nicht nur mit der Linse, sondern auch persönlich nahe und hat eine unspektakuläre, aber eindringliche Familien- und Milieustudie geschaffen, die ohne Rührseligkeit tief berührt.

Die einzigen Höhepunkte sind Geburtstage, wieder ein Jahr ohne Veränderungen vergangen. Und wenn Claudia zuhause das Mikro zur Hand nimmt und inbrünstig „When You Believe“ von Whitney Houston und Mariah Carey singt, schimmern Träume durch, die die junge Frau vielleicht einmal gehabt hat.

„Ich würde am liebsten noch ein Kleinkind sein, von der Welt nix wissen“, sagt sie. Und weil die Erwachsenen so im Stillstand und im Trübsinn verharren, gerät der kleine Daniel im Film in den Vordergrund, der wohl nicht mehr lange der Motivationslosigkeit entkommen kann.

Von Melanie Wagenhofer

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