Viele Probleme und wenig Sex bei neuem Salzburger „Reigen“

Ein Restaurant als Schauplatz eines neuen „Reigen“ © APA/BARBARA GINDL

„Nach Arthur Schnitzler: Reigen“ steht auf dem Programmheft, doch nur noch wenig erinnert an das einstige Skandalstück. Die Struktur der Zweierszenen, in denen jeweils eine Figur mit neuem Partner die nächste Episode bestreitet, wurde ebenso aufgegeben wie der – im Original mit Strichen angedeutete – Geschlechtsakt als stets gleiches Zentrum der unterschiedlichen Paartänze. Dennoch hat diese erste Schauspiel-Neuproduktion der Salzburger Festspiele durchaus ihre Verdienste.

Es war eine lange geplante und nicht unriskante Unternehmung, die am Donnerstag als Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich in der Szene Salzburg ihre akklamierte, jedoch nicht allzu frenetisch bejubelte Uraufführung feierte: Zehn Autorinnen und Autoren schreiben jeweils eine „Reigen“-Szene neu (eine Idee, die in den vergangenen Jahren auch schon Barbara Rieger, Ute Liepold und Bernd Liepold-Mosser hatten), ohne eine Ahnung zu haben, wie die vorangegangene und die nachfolgende Szene aussehen wird. Man versicherte sich der Mitwirkung einer angesehenen internationaler Schreiber-Riege – und bekam sehr, sehr unterschiedliche Lösungen der gestellten Aufgabe.

In der Gesamtschau wird Sex und Begehren nun nicht mehr als geheime Triebfeder unterschiedlichster Verhaltensweisen, Verführungsstrategien und Machtspiele entlarvt, sondern entsteht ein zeitgenössisches Gesellschaftspanorama, in dem Anziehung und Abstoßung auf den unterschiedlichsten Ebenen unser Zusammenleben bestimmt. Miteinander geschlafen wird nicht mehr. Wir haben dafür genug andere Probleme.

Regisseurin Yana Ross, die die herausfordernde Aufgabe hatte, diese heterogenen Zutaten zusammenzufügen, und ihr Bühnenbildner Márton Ágh haben ein Nobel-Restaurant als gemeinsamen Schauplatz erkoren. Zwischen allen auftretenden und abgehenden Figuren, die aus unterschiedlichen Dialogen kommend mitunter dennoch am selben Tisch sitzen, den Überblick zu bewahren, ist keine leichte Aufgabe. „Mein Name ist Arthur und ich weiß von nichts, Baby“, lässt Lydia Haider (die einzige Österreicherin unter den Textern) gleich in der ersten Szene einen seine Suppe brav auslöffelnden Mitesser sich entschuldigen. Insgesamt wird weniger gesittet soupiert als ziemlich viel Porzellan zerschlagen. In Zeiten der Sparsamkeit sind es jedoch vorwiegend Plastikteller und -gläser, die immer wieder von den Tischen gefegt werden.

Manche haben durchaus ernsthaft versucht, ihren Schnitzler ins Heute zu übertragen. Leif Randt lässt ein Ehepaar (Matthias Neukirch und Yodit Tarikwa), das im Lockdown geheiratet hat, zum ersten Hochzeitstag ein erstes Resümee ihrer Ehe ziehen. Hengameh Yaghoobifarah setzt auf gleichgeschlechtliche Anziehung, gestaltet das Werben einer älteren Dichterin (Sibylle Canonica) um eine attraktive junge Frau (Tabita Johannes) jedoch um nichts weniger verzweifelt als in einer Mann-Frau-Konstellation, wie sie etwa Jonas Hassen Khemiri zwischen dem mit schmutzigem Geld sich als Financier anbietenden Grafen und der Schauspielerin mit Produzentinnen-Ambition entwickelt.

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Auch „der Soldat und das Stubenmädchen“ hat eine an Schnitzlers Vorlage erinnernde Struktur, die Sofi Oksanen jedoch überzeugend in einen zeitgenössischen Dialog zwischen einer Essensbotin und einem für diverse Netz-Hass-Botschaften eingesetzten „Trollsoldaten“ übersetzt. Während in Teilen dieser Szene über der Bühne hängende Paneele zu einer Video-Projektionsfläche zusammengesetzt werden, wird Mikhail Durnenkovs Beitrag zur Gänze per Video gezeigt. Es ist der am meisten Abstand zu Schnitzler nehmende Dialog, aber auch der mit Abstand ergreifendste.

Der 43-jährige russische Autor, der schon 2014 wegen seiner Kritik an der Annexion der Krim verfolgt worden war, ist bei Kriegsausbruch nach Finnland geflüchtet. In seiner ursprünglichen Szene ging es um einen älteren Herrn und eine junge Frau, die sich für eine Affäre in einem Hotelzimmer treffen. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hat er eine ganz neue Szene geschrieben, bei der ein junger Russe seine Eltern per Skype anruft, um ihnen mitzuteilen, dass er mit der Frau und Kind sein Heimatland verlassen wird, um wenigstens seinem Sohn ein Aufwachsen in Freiheit zu ermöglichen. Inga Mashkarina, Valentin Novopolskij und Vladimir Serov spielen diese Szene auf Russisch und treffen einen dabei ins Mark. Mit Schnitzlers „Reigen“ hat das nichts zu tun. Aber alles mit tollem Theater, das auf Humanität und Aktualität setzt.

Das Ensemble des Schauspielhaus Zürich setzt die vielen Herausforderungen mit Können und Ambition um und bewältigt auch die Zwischenchoreografien von Yana Ross mit Bravour. Gleich in zwei Szenen hat übrigens eine österreichische Pistole prägnante Nebenrollen. Einer Glock in der Hand eines Soldaten ist auch die einzige (Selbst-)Penetration des Abends vorbehalten. Schnitzlers Striche, die einst für Skandal sorgten, mussten in den Neufassungen nicht einmal mehr gestrichen werden.

„Reigen“ nach Arthur Schnitzler, Neufassung der zehn Dialoge von Lydia Haider, Sofi Oksanen, Leïla Slimani, Sharon Dodua Otoo, Leif Randt, Mikhail Durnenkov, Hengameh Yaghoobifarah, Kata Wéber, Jonas Hassen Khemiri und Lukas Bärfuss. Regie: Yana Ross. Bühne: Márton Ágh, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Knut Jensen, Video: Algirdas Gradauskas. Mit Sibylle Canonica, Urs Peter Halter, Tabita Johannes, Michael Neuenschwander, Matthias Neukirch, Lena Schwarz, Yodit Tarikwa, Inga Mashkarina, Valentin Novopolskij, Vladimir Serov. Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Schauspielhaus Zürich, Szene Salzburg, Weitere Vorstellungen: 31.7., 3., 5., 6., 8., 9., 11.8., salzburgerfestspiele.at; Premiere in Zürich: 17.9., schauspielhaus.ch

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