Dr. Hasibeder: „Viele tun so, als hätte Coronavirus nie existiert!?“

Der sorgenvolle Blick eines Arztes auf das bunte Treiben im Jetzt und potenzielle Gefahren im Morgen

Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder tritt dafür ein, wieder Masken anzulegen sowie App und Schutzimpfung zur Pflicht zu machen.
Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder tritt dafür ein, wieder Masken anzulegen sowie App und Schutzimpfung zur Pflicht zu machen. © ÖGARI

Möglicherweise ist Corona erst der Anfang, warnt der Tiroler Spitzenmediziner Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder. Die Massentierhaltung berge noch weitere Bedrohungen.

VOLKSBLATT: Wir stehen mitten in der Reisezeit. Die internationalen Meldungen über stark steigende Infektionszahlen reißen nicht ab. Welches Szenario erwarten Sie für Österreich in den nächsten zwei, drei Wochen?

HASIBEDER: Die Infektionszahlen werden weiter steigen. Das ist keine Frage. Da spielt sicher die Reisetätigkeit eine Rolle. Was mir aber am meisten Sorge macht, ist die Unachtsamkeit vieler Bürger, die Abstandsregeln einzuhalten. Man hat den Eindruck, die Leute benehmen sich so, als ob das Virus nie existiert hätte. Es war ein Fehler, dass man die Maskenpflicht so früh hat fallen lassen.

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Wobei aber die medizinische Schutzwirkung der Masken immer wieder auch von Ärzten angezweifelt wird …

Da geht es nicht so sehr um die Frage, wie gut schützt uns die Maske. Es geht mehr darum, dass die Maske eine Signalwirkung hat. Wenn Sie jemanden mit Maske sehen, gehen Sie automatisch nicht so nah hin und halten intuitiv Abstand ein.

Also schnell zurück zu einer Maskenpflicht in Österreich?

Im geschlossenen öffentlichen Raum würde ich dafür plädieren. Es sollte natürlich in Restaurants so sein, dass die Gäste ungehindert essen können. Die Kellnerinnen, Kellner, das Personal, die sollten aber geschützt sein.

Gibt es weitere Schutzmechanismen, deren Aktivierung Sie jetzt empfehlen würden?

Mit Sicherheit wäre die Stopp-Corona-App des Roten Kreuzes notwendig. Wenn in Hinkunft viele Cluster aufpoppen, wäre es naiv zu glauben, dass die Gesundheitsbehörden mit ihren beschränkten Personalressourcen in der Lage sein werden, in einer kurzen Zeit sämtliche Kontakte zurückzuverfolgen und Testungen durchzuführen.

Wie könnte die App weiter verbreitet werden. Es gilt ja das Prinzip Freiwilligkeit?

Ja eben. Genau das ist das Problem!

Heißt: Es sollte für alle Smartphone-Besitzer in Österreich eine Verpflichtung geben, diese Kontakt-App des Roten Kreuzes zu installieren?

Ich glaube, die sollten diese App künftig installiert haben.

Ab wann rechnen Sie in Kombination mit der Grippe in Österreich mit einer Zuspitzung der Infektionssituation?

Ich denke, ab September wird diese Kombination aus Infektionskrankheiten in Österreich verstärkt auftreten.

Werden wir es schaffen, diese Phase dann wieder zu durchtauchen, oder sehen Sie die Gefahr von Engpässen in der Spitalsversorgung?

Ich hoffe nicht! Gesundheitsminister Anschober und die Expertenkommissionen im Ministerium machen einen guten Job. Das sind vernünftige Menschen. Man wird vielleicht schon wieder Schritt für Schritt Maßnahmen anziehen. Es wird aber nicht mehr notwendig sein, einen Lockdown zu vollziehen.

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Wann rechnen Sie mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes gegen das Coronavirus?

Ich glaube, dass wir im Sommer des nächsten Jahres die ersten Impfstoffe haben werden, die auf dem Markt sind. Ob dann die Firmen in der Lage sind, so ausreichend Impfstoff zu erzeugen, dass ein Großteil der Bevölkerung geschützt werden kann, das ist schwierig zu prognostizieren. Ich kann es mir nicht vorstellen.

Wird Freiwilligkeit bei der Impfung für einen Schutz der Bevölkerung ausreichen?

Ich frage mich oft, wo hört die persönliche Freiheit auf? Meiner Ansicht nach hört sie dort auf, wo ich durch mein Verhalten andere in Gefahr bringe.

Also muss eine Impfpflicht in Österreich eingeführt werden?

Manche Impfungen sollten verpflichtend und mit einem gewissen Zwang in Österreich verankert werden. Ich wäre jemand, der den Bezug von Sozialleistungen an den Nachweis von Impfungen binden würde. Ich glaube, es geht nur mit Zwang. Das ist meine persönliche Ansicht.

Zurück zu Ihrer medizinischen Erfahrung: Gibt es Wirkungen des Coronavirus, die Sie verblüfft oder geschockt haben?

Was mich besonders schockt, ist, wie langwierig die Erholung von Erkrankten teilweise ist. Ein Beispiel: Ein Mitarbeiter unseres Hauses ist am Coronavirus erkrankt. Gar nicht so, dass er im Krankenhaus hätte behandelt werden müssen. Er war in privater Quarantäne. Das ist jetzt schon eine ganze Weile her. Noch immer hat er aber keinen Geruchssinn und noch immer hat er wiederkehrend ein Gefühl, als trüge er einen Schleier um den Kopf. Die Leute brauchen extrem lang, bis sie sich nach einer schweren Corona-Erkrankung wieder erholt haben.

Welche Frage rund um das Coronavirus möchten Sie als Mediziner jetzt ganz dringend und schnell geklärt haben?

Diese Erkrankungen haben ja einen Ursprung. Der hängt zusammen mit der Tierhaltung. Aus China berichten Wissenschafter mittlerweile schon wieder über ein neues Schweinegrippe-Virus mit hoher Mortalität. Und da habe ich den Eindruck, dass solche Fragen von der internationalen Politik komplett ignoriert werden. So, als ob die Gefahr weiterer Pandemien nicht existieren würde! Man kann und muss sich fragen, ob es nicht noch etwas Schlimmeres gibt als das jetzt rund um die Welt grassierende Virus.

Das mündet in eine grundsätzliche Frage: Ist das Coronavirus Ihrer Einschätzung nach ein medizinischer Ausreißer oder der Beginn einer neuen Epoche in den medizinischen Bedrohungslagen?

Es ist schwer in die Zukunft zu blicken. Eines kann man aber jedenfalls festhalten: Solche Szenarien können realistischerweise immer wieder kommen, wenn wir global in der Massentierhaltung so weiterwursteln wie bisher! Gefährlich und nicht gut ist es natürlich auch, wie in China auf Märkten Lebendtiere einander näher zu bringen, die ansonsten in den natürlichen Lebensräumen nichts miteinander zu tun haben. So ein exotisches Wildtier kann über viele Generationen einen Virus bergen, daran aber nicht erkranken. Springt dieses Virus über, trifft es bei anderen Tieren oder dem Menschen auf ein Immunsystem das darauf gar nicht ausgerichtet ist.

Wo werden Sie heuer Ihren Sommerurlaub verbringen?

Wir fahren heuer nicht weg und bleiben in Tirol zum Radlfahren. Ich will mich nicht infizieren.

Mit dem Intensivmediziner
Univ.-Prof. Dr. WALTER HASIBEDER
sprach Harald Gruber

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