voestalpine baut massiv Personal ab

Beim Stahl- und Technologiekonzern voestalpine reicht Kurzarbeit alleine nicht mehr aus – an den beiden steirischen Produktionsstandorten Kindberg und Kapfenberg sollen noch heuer Hunderte Jobs gestrichen werden. “Wir sind gerade dabei, in der Steiermark einen Sozialplan für rund 500 bis 550 Mitarbeiter auszuverhandeln”, sagte Konzernchef Herbert Eibensteiner am Mittwoch in einer Telefonkonferenz.

Betroffen seien etwa 250 Mitarbeiter in Kindberg und rund 250 bis 300 Arbeitnehmer in Kapfenberg. “Dort werden wir uns nachhaltig anpassen müssen”, meinte der CEO mit Blick auf die sehr schwache Nachfrage aus der Öl- und Gasindustrie sowie aus der Luftfahrtindustrie infolge der gedämpften Weltkonjunktur und den durch die Covid-19-Pandemie eingeschränkten Flugverkehr. “Wir gehen davon aus, dass dieser (Sozialplan, Anm.) ab September, Oktober zur Anwendung kommen wird”, umriss der CEO den Zeitplan.

Ein Betriebsrat des Werks in Kapfenberg kritisierte das Vorgehen des oberösterreichischen Konzerns. “Wenn man das über die Medien erfährt, ist das sehr seltsam”, sagte Betriebsrat Peter Bacun in der ORF-“ZiB1” am Mittwochabend. Für die Region sei der Jobabbau “ein Wahnsinn. Dementsprechend ist die Mannschaft anzusprechen”, sagte wiederum der Kindberger Voest-Betriebsrat Mathias Narnhofer.

Die voestalpine beschäftigt derzeit insgesamt rund 9.100 Mitarbeiter in der Steiermark. In Kindberg wird nun fast ein Viertel der Belegschaft eingespart, in Kapfenberg sogar rund ein Drittel. Für die voestalpine Tubulars (Kindberg), die Nahtlosrohre für die Öl- und Gasindustrie herstellt, waren zum Ende des abgelaufenen Geschäftsjahres 2019/20 (31. März 2020) den Angaben zufolge rund 1.100 Arbeitnehmer tätig, für die voestalpine Böhler Aerospace (Kapfenberg) knapp 800. Bis der “schwache Geschäftsgang” wieder in Schwung kommt, sei es noch “ein sehr langer Weg”, erwartet das Management. “Zum jetzigen Zeitpunkt schätzen wir ein, dass Kurzarbeit und das Nichtnachbesetzen und der Abbau von Leasingstellen nicht ausreichen werden”, so Eibensteiner.

Da der Sozialplan für die betroffenen steirischen Beschäftigten gerade in Verhandlung ist, wollte sich Eibensteiner nicht zu weiteren Details äußern. “Aber natürlich gibt es eine Stahlstiftung, die vor vielen Jahren gegründet wurde – die Aufgabe dieser Stiftung ist es, den Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, sich umschulen zu lassen oder weiterzubilden”, merkte er an.

Das neue Edelstahlwerk, das die voestalpine gerade in Kapfenberg um rund 350 Mio. Euro baut, soll aber trotz allem mit nur wenigen Wochen coronabedingter Verzögerung im kommenden Jahr in Betrieb gehen, mit einer jährlichen Produktionskapazität von bis zu 205.000 Tonnen Spezialstahl. “Wir gehen davon aus, dass wir dort im nächsten Jahr hochfahren werden”, so der voestalpine-Chef. In Summe fließen in den Standort im steirischen Mürztal Investitionen in Höhe von rund 500 Mio. Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Zusätzlich zu dem aktuellen Einschnitt in die Belegschaft in der Steiermark nimmt die Voest auch im deutschen Wetzlar einen deutlichen Personalabbau vor. “Bei Buderus werden gerade 230 Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft überstellt – das ist der Sozialplan, den ich im Jänner vorgestellt habe”, berichtete Eibensteiner. Noch mehr als die genannten bis zu 780 Jobs sollen heuer nicht wegfallen – diese seien “unsere Zahlen, die wir bis Jahresende planen”.

Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2020/21 verkleinerte sich der Personalstand der Voest gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres bereits um 7,3 Prozent auf weltweit 47.894 Mitarbeiter (Vollzeitäquivalente), “entsprechend der geringeren Produktionsauslastung”, wie es hieß.

“Wir haben natürlich auch auf die Produktionskürzung reagiert und Hochöfen in Linz und Donawitz herausgenommen”, erklärte der Konzernchef. Die Auslastung in Linz liege derzeit bei rund 75 Prozent. “Aufgrund der Buchungen im Juni sind wir ein bisschen optimistisch gestimmt und wenn wir über 80 Prozent kommen, werden wir den Hochofen wieder in Betrieb nehmen – es gibt noch keinen Termin und wir können die jetzigen Bedarfe abdecken”, so Eibensteiner.

Auch auf die Möglichkeit der Kurzarbeit griff die voestalpine bereits in großem Umfang zurück. Heuer im Juni seien in Österreich rund 10.400 und in Deutschland rund 2.600 Arbeitnehmer des Konzerns in Kurzarbeit gewesen. Hinzu kamen international weitere 2.300 Mitarbeiter in kurzarbeitsähnlichen Modellen – so etwa in Großbritannien, Rumänien, Belgien, Frankreich und den USA. “Wir gehen davon aus, dass wir die Kurzarbeit in Österreich bei einer weiteren Verbesserung nicht voll ausschöpfen werden”, sagte der CEO mit Blick auf die dritte Periode, die hierzulande ab dem September möglich wäre. Im Mai sei die Arbeitsleistung bei rund 60 Prozent gelegen, also bei rund 40 Prozent weniger Arbeit. “Das ist im Juni etwas besser geworden”, berichtete der Konzernchef.

“Wir gehen davon aus, dass wir mit dem Lockdown im April den Tiefpunkt gesehen haben”, betonte Eibensteiner. “Und das bedeutet natürlich auch, dass wir im zweiten Halbjahr mit einer Verbesserung rechnen – die Frage ist, wie stark ist diese Verbesserung.”

Ob die voestalpine im laufenden Geschäftsjahr 2020/21 aus der Verlustzone kommt ist äußerst fraglich. 2019/20 hatte der Konzern erstmals seit Jahrzehnten unter dem Strich einen Verlust von 216 Mio. Euro erlitten – nach einem Gewinn von 459 Mio. Euro im Jahr davor. Bestätigt wurde am Mittwoch die Zielvorgabe für das gesamte Geschäftsjahr 2020/21, zumindest vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ein deutlich positives Ergebnis (EBITDA) zwischen 600 Mio. und 1 Mrd. Euro zu erwirtschaften. Im ersten Quartal erreichte das EBITDA mit 158 Mio. Euro nicht einmal die Hälfte des Vorjahreswertes.

Die steirischen Landesrätinnen Barbara Eibinger-Miedl (Wirtschaft, ÖVP) und Doris Kampus (Soziales, SPÖ) zeigten sich vom Jobabbau betroffen. Man werde die 500 bis 550 Beschäftigten nach Kräften unterstützen. Die Nachricht sei “schmerzhaft, aber es ist nicht überraschend”. Der obersteirische FPÖ-Abg. Hannes Amersbauer sprach von “einer Katastrophe”. Aufgrund der Ereignisse in den vergangenen Monaten seien solche Entwicklungen leider zu befürchten gewesen, aber das Ausmaß sei nun dennoch erschreckend.

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