Voll Glut und Leidenschaft

Großartig: Die Staatsoper Wien streamte am Sonntag die „Tosca“ der Anna Netrebko

Wolfgang Koch (Baron Scarpia) und Anna Netrebko (Floria Tosca)
Wolfgang Koch (Baron Scarpia) und Anna Netrebko (Floria Tosca) © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Der zweite Abend des Quintetts von Opernaufführungen, die die Wiener Staatsoper in diesen Corona-Zeiten im Dezember streamt (in diesem Fall auch auf ORF III live zeitversetzt gezeigt), mag das meiste Interesse erweckt haben.

Schließlich hat sich Anna Netrebko in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten zur Primadonna assoluta der Opernbühnen in aller Welt hoch gearbeitet, wie es seit der Callas keine mehr gegeben hat.

Und Puccinis „Tosca“ ist zweifellos eine der berühmtesten Partien für einen dramatischen Sopran, wo eine Diva nicht nur in drei Akten stimmlich glänzen kann, sondern auch darstellerisch als Liebende und Kämpferin gefordert ist.

Die Wiener Staatsoper kann Tosca-Sängerinnen außerdem das Besondere bieten, nämlich eine ideale Inszenierung. Sie stammt von Margarethe Wallmann, ist über sechs Jahrzehnte alt (Herbert von Karajan dirigierte 1958 die Premiere mit Renata Tebaldi) und ein „Klassiker“, der in den Kostümen und Dekorationen spielt, die das Jahr 1800 vorgeben (hoch ästhetisch!) und sich außerdem voll auf die Sängerdarsteller konzentriert, die ohne Störung durch Regieideen ihre Figuren entfalten können. Es ist anzunehmen, dass jede große Tosca-Interpretin sich wünscht, in dieser Inszenierung erscheinen zu können.

Perfekt in allen Nuancen: Anna Netrebko

Anna Netrebko nützte alle ihre Möglichkeiten. Dass sie mit ihrer dunklen, dramatischen, technisch makellosen Stimme perfekt sein würde, war anzunehmen, aber sie spielte die Rolle auch in allen Nuancen: Die Verbindung von wilder Eifersucht und lockender Verliebtheit im ersten Akt, wo ihr Geliebter Cavaradossi nie weiß, ob sie ihn umarmt oder wütend auf ihn losstürzt; den Kampf, den sie sich im zweiten Akt mit der Bestie Scarpia, dem gnadenlosen Polizeichef, liefert, der ihr Leben ja doch ruiniert; und schließlich im dritten Akt das Schwanken zwischen Hoffnung und Zweifel, ob alles wirklich gut ausgehen wird. Ihre Mischung aus Glut und Leidenschaft wird man nicht so schnell vergessen.

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Darstellerisch konnte Netrebko-Gatte Yusif Eyvazov da absolut nicht mithalten, aber er ist ein solider Sänger, der im Hintergrund bleibt – wahrscheinlich ginge es jedem anderen Tenor neben der Netrebko genauso. Wolfgang Koch hingegen war als bulliger, berserkerhafter Scarpia ein starker Gegenspieler für das „Duell“ im zweiten Akt. Dirigent Bertrand de Billy nahm vor allem die Dramatik des Werks ins Visier und peitschte es durch den Abend. So spannend kann „Tosca“ sein.

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