Vollkommenheit oder vollkommene Unfähigkeit

Landestheater Linz auf OÖ-Tour mit Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“

Man fühlt sich von diesem irren Zirkusdirektor angezogen, man möchte ihm entfliegen: Klaus Müller-Beck, Alexander Julian Meile.
Man fühlt sich von diesem irren Zirkusdirektor angezogen, man möchte ihm entfliegen: Klaus Müller-Beck, Alexander Julian Meile. © Rudi Gigler

„Wir wollen das Leben nicht, aber es muss gelebt werden. Wir hassen das Forellenquintett, aber es muss gespielt werden“.

Das Landestheater trägt seit 5. November ein Juwel durchs Land. Mit Thomas Bernhards Komödie in drei Akten „Die Macht der Komödie“ geht ein von Tanja Regele inszeniertes Zirkusensemble auf Tournee. Start war am Freitag in Neumarkt im Mühlkreis.

„Morgen in Augsburg“, als hätte Thomas Bernhard selbst den Ort gewählt. Im halbvollen Saal bekommt diese dutzendfach erwähnte Wortfolge, neben einem ganzen Universum an sonstigen Erregungen, auch eine ortsspezifische Bedeutung, die nur Bernhard in diese drei Wörter zu fassen vermag.

Das Stück 1974 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, die heurige Landestheaterproduktion enthusiasmierte schon im Sommer bei den Salzkammergut Festwochen.

Scheitern, immer wieder

Zirkusdirektor Caribaldi probt seit Jahrzehnten Schuberts Forellenquintett mit seinen vier, seiner Meinung nach, völlig unfähigen Artisten. Mit Menschen, wie sie realistischer nicht sein können, komprimiert zu Kunstfiguren, die ins Surreale kippen, um die Realität wiederum umso krasser vor Augen zu führen.

Der Autor hätte wohl auch dieses Ensemble selber gewählt. Klaus Müller-Beck offenbart sich als Inkarnation des Zirkusdirektors Caribaldi. Der nach Vollkommenheit in der Kunst Heischende, scheitert zeitlebens am Unerreichbaren, an den Menschen und sich selbst. Perfektion, Präzision, gleich einer symphonischen Partitur in drei Sätzen, legt Bernhard in die Sprache des Zirkusdirektors und seiner Protagonisten.

Als menschliche wie sprachmusikalische Kontrapunkte führen sich die Artisten um den Zirkusdirektor auf. Abhängig, widerständig und voll Abneigung, jeder auf seine Art mit spezifischen Marotten. In Sprachbächlein parliert Alexander Julian Meile als Jongleur, besserwisserisch, widersprechend, dennoch devot. Die kindliche Enkelin, Annelie Straub, gibt Stumpfsinn, Gehorsam und Unwissenheit vor.

Nicht von ungefähr Seiltänzerin, balanciert sie zwischen Missbrauch und der echten Zuneigung ihres Großvaters. Markus Ransmayr, stets betrunken, nach Rettich stinkend, kann sich als Dompteur mit seinen von den Raubtieren zerbissenen Armen unmöglich am Klavier zurechtfinden. Der jämmerliche Spaß des ältlichen Spaßmachers alias Sebastian Hufschmidt besteht in seiner ständig herabfallenden Haube. Am Bass mimt er einen resignierten aber insgeheim über den Dingen stehenden Komiker.

Großartig auch Kostüme und die Bühne von Seraina Keller, ganz Zirkus, Probenraum und imaginierter Konzertsaal, mit all der Enge und Schäbigkeit, die das Stück und seine Protagonisten bewegt.

Wenn es der Intention des Stücks nicht so sehr widerspräche, möchte man der Inszenierung Vollkommenheit bescheinigen. Eine Kostbarkeit jedenfalls, für die man Groupie dieser Truppe werden möchte. Morgen in Augsburg – nein. Vorläufig – weitere Vorstellungen werden noch bekanntgegeben am Donnerstag, 2. Dezember, 2021 im Stadttheater Wels, Samstag, 8. Jänner 2022, im OKH Vöcklabruck und Samstag, 5. Februar 2022, im Spielraum Gaspoltshofen.

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