Vom Entführungsopfer zum weltoffenen Vermittler

Ökonomierat Franz Zauner ist 74 Jahre alt und ein Schwank aus seinem Leben reicht unmöglich aus, um Einblick in das zu geben, was der Oberösterreicher schon alles miterlebt hat. Das prägendste Ereignis war zweifellos die Entführung eines Flugzeuges, in dem er als 26-Jähriger saß. Aber darüber hinaus bereist er bis heute die Welt und holt vor allem die Welt nach Neuhofen an der Krems, genauer gesagt, zu sich auf den Hof, das Stadlbauergut.

Erschreckende Bilder von den Flugzeugentführungen in der jordanischen Wüste 1970. Tote gab es keine, vier der insgesamt fünf entführten Maschinen wurden gesprengt, nachdem alle Passagiere die Flugzeuge verlassen hatten. © Privat

Von Astrid Braun

„Wenn ich einen Flieger sehe, denke ich sofort daran“, sagt Ökonomierat Franz Zauner. Der Oberösterreicher ist 74, aber wenn er über die viel beschriebenen Ereignisse vom 6. September 1970 spricht, ist es, als wäre er wieder 26 Jahre jung und zurück in jener Boing 707, die damals von der Volksfront zur Befreiung Palästinas entführt wurde. Doch dazu später mehr. Franz Zauners Lebensgeschichte hat viel zu bieten. Er war Landwirt, geboren als Bauerssohn mit vier Geschwistern. Er ist Vater dreier Söhne und verheiratet mit Elfriede. Zauner bezeichnet sich augenzwinkernd als Pensionist, den Hof hat er an einen seiner Söhne übergeben. Das Stadlbauergut in Neuhofen an der Krems hat er vorher aber zum Treffpunkt für Gäste aus aller Welt gemacht.

Geprägt von seinem eigenen Vater lebt der Neuhofener ein internationales Leben. Schon seine Eltern luden immer wieder Agrarstudenten auf den Hof ein — zum Helfen, aber auch für den Austausch. Zauner führte das fort. Einen Studenten hebt er besonders hervor: Andrews Mensah Yaw Kwarteng aus Ghana. „Er hat später in Montreal Geologie studiert, in El Paso in Texas seinen Doktor gemacht, war in der Ölwirtschaft tätig. Jetzt arbeitet er im Oman als Universitätsprofessor“, erzählt Zauner stolz, direkt nachdem er von einem zweiwöchigen Aufenthalt bei seinem Freund Kwarteng im Oman heimgekehrt ist. „Auch der Sohn eines französischen Konsuls hat schon mitgeholfen bei uns“, so Zauner.

Ob mit dem emeritierten röm.-kath. Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal, oder Österreichs Außenministerin Karin Kneissl — Franz Zauner ist mit allerhand bekannter Leute auf Du und Du. Oft ist er eine Art Vermittler — ob im Lionsclub in Neuhofen oder als Experte für Bauernbefreier Hans Kudlich. Dessen Großnichte verbrachte einst ein Lehrjahr auf dem Stadlbauergut und wurde dort samt Familie später als Vertriebene auf der Flucht aufgenommen.

Handgranate und Pistole

Aber das tiefgreifendste Erlebnis bleibt für Franz Zauner die Entführung, die er auf der ersten Flugreise seines Lebens durchleben musste. Er wollte nach San Francisco fliegen, um seine Schwester zu besuchen, die Zeit in Kalifornien bei einer Freundin und später bei der Großnichte Kudlichs in New York verbrachte. Die Eltern finanzierten Franz Zauners Trip, der mit dem Flug von Hörsching nach Frankfurt einwandfrei begann. „Aber ich kam in Deutschland knapp zum Check-in, hätte den Anschlussflug nach New York fast verpasst, durfte dann allerdings in der ersten Klasse Platz nehmen“, erinnert sich Zauner. Nach einer Stunde in der Boing 707 der US-amerikanischen Gesellschaft TWA über Belgien sind plötzlich ein Mann und eine Frau durch die erste Klasse gelaufen, der Mann hielt links eine Handgranate und rechts eine Pistole. „Er war zirka drei Meter vor mir und schrie ,Hands up’. Die Frau gelangte ins Cockpit und sagte via Bordlautsprecher, sie sei jetzt unser neuer Kapitän und wir würden in ein freundliches Land fliegen“, so die einstige Geisel aus Oberösterreich. „Ich konnte nur Hauptschul-Englisch. Aber da wusste ich, wir sind entführt. Ich dachte nur, hoffentlich kommen wir gut runter. Ich dachte automatisch an den Israel-Palästina-Konflikt, es hatte ja schon vorher Entführungen gegeben“.

„Wir sitzen auf Dynamit“

Gelandet wurde letztlich in der Wüste Jordaniens auf einer mit offenem Feuer improvisierten Landebahn. „Wir mussten uns notlandemäßig verhalten.“ 152 Menschen waren an Bord. Auf die erste Erleichterung über das Erreichen des Bodens folgte der nächste Schock, als rund ein Dutzend Palästinenser mit Maschinenpistolen das Flugzeug enterten. Kartons wurden ausgeteilt, auf denen der Grund für die Entführung und Geiselnahme geschrieben stand. Es ging um den Kampf gegen Israel und den Imperialismus.

Ein Donnergrollen ließ die Gefangenen erneut erstarren. Es war der Fluglärm einer weiteren Maschine. Insgesamt wurden an diesem Tag vier Passagierflugzeuge entführt. „Die Swissair-Maschine kam nur rund 30 m hinter uns zum Stehen. Unser Flieger wurde mit Dynamit ausgestattet“, so Zauner. Es war rund 50 Grad heiß.

Die Nacht ging vorbei. „Ich war alleine. Das Schlimmste war das Ungewisse und das Alleinsein, mit niemandem darüber reden zu können. Wir sitzen auf Dynamit und wissen, dass die das nicht bekommen werden, was sie wollen. Wie wird das ausgehen“, sagt Zauner rückblickend. Seine Gedanken waren auch bei den Daheimgebliebenen und der Frage, wann sie es erfahren werden.

Franz Zauner mit dem emeritierten röm.-kath. Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal. – Foto: Privat

Als es in Jordanien nach 36 Stunden hieß, Frauen und Kinder dürfen von Bord, fasste sich Zauner ein Herz und sagte einem „hochrangigen“ Geiselnehmer, er hätte nichts mit alledem zu tun, er sei aus Österreich, es sei sein erster Flug und er wolle nur seine Schwester besuchen und sei noch nie in Israel gewesen. Der Mann überprüfte Zauners Passdaten und er durfte als einziger Mann raus aus dem Flieger. Er wurde in ein kleines Hotel in Amman gebracht. Im ersten Telefonat nach Hause teilte er seinem Vater mit, dass er keinen Reisepass habe. Dieser setzte alle Hebel in Bewegung. Nach einer Woche ging es per Rot-Kreuz-Flugzeug nach Zypern, später weiter nach Rom, wo Zauner seinen Zweitpass erhielt. Von dort hätte er heim fliegen können, entschied sich aber den Trip seines Lebens mutig nach San Francisco fortzusetzen. „Ich dachte, meine Eltern würden mich nicht mehr fortlassen“, erinnert sich Zauner und ergänzt: „Als wir über die Golden Gate Bridge gefahren sind, bin ich quasi zusammengebrochen“.

Reichte Entführerin Hand

Doch Zauner erholte sich und gab sich nicht der Verdrängung hin. Genau am 6. 9. 1971 flog er für zwei Wochen nach Israel — wieder alleine, der Nahostkonflikt wurde zu seinem Interessensgebiet, dreimal war er in Jordanien. 20 Jahre nach der Entführung besuchte er das kleine Hotel in Amman und fuhr mit dem Hotelier zurück in die Wüste, an den Ort des Geschehens.

Franz Zauner mit Andrews M. Y. Kwarteng. – Foto: Privat

Er zögerte nicht, als eine gewisse Leila Kalhed 2016 in Wien einer Kulturveranstaltung der Palästinenser beiwohnte. Kalhed war 1970 an der Entführung von EL-AL-Flug 219 von Tel Aviv Richtung New York beteiligt. Die Maschine musste in London notlanden und Kalhed wurde in England inhaftiert. Am 9. 9. 1970 wurde eine weitere Maschine entführt und damit Kalhed freigepresst. „Als ich erfuhr, dass sie in Wien ist, fuhr ich sofort hin. Ich reichte ihr die Hand und fragte sie, ,Warum haben Sie das Flugzeug entführt?’ Sie antwortete, ,Um die Welt aufmerksam zu machen’. Ich wollte ihre Motivation wissen.“

„Sollte Leben genießen“

Franz Zauner sieht das Gute: „Es wird wahrscheinlich kein zweites Mal passieren und ich konnte Bekanntschaften machen, die es ohne diese Entführung nicht gegeben hätte. Ich bin gegenüber Menschen, die anders denken als ich, toleranter geworden. Es ist nicht wichtig, wie viel Geld man verdient, sondern, wie viel Gutes man damit tut. Man sollte das Leben genießen und es sich nicht gegenseitig schwer machen. Über Kleinigkeiten braucht man sich nicht aufzuregen“. In zwei Jahren ist es 50 Jahre her, dass Zauner entführt worden ist. Sein Plan: „Ich denke daran, die Reise ,Jordanien — Zypern — Rom’ erneut zu machen.“