Vom Mythos des Unvollendeten

Lebhafter Beifall für Zubin Mehta im Linzer Brucknerhaus

Nach zwölf Jahren kehrte Stardirigent Zubin Mehta am Pult des Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino mit Gustav Mahlers 10. und Anton Bruckners 9. Sinfonie ins Brucknerhaus Linz zurück.
Nach zwölf Jahren kehrte Stardirigent Zubin Mehta am Pult des Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino mit Gustav Mahlers 10. und Anton Bruckners 9. Sinfonie ins Brucknerhaus Linz zurück. © Oliver Erenyi

Der Konzertabend im Großen Brucknerhaus-Abo wartete am Dienstag mit einem stattlichen Orchester, einem berühmten Dirigenten und einer extravaganten Programmidee auf: Das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, ein italienisches Spitzen-Ensemble, spielte unter seinem Ehren-Chefdirigenten Zubin Mehta die letzten, unvollendet gebliebenen Sinfonien der Zeitgenossen Anton Bruckner und Gustav Mahler.

Angesichts der bis heute die Musikwissenschaft herausfordernden Mythen und Rätsel um den Status des Unvollendeten beider Werke, dessen mögliche Veränderung und deren Konsequenzen, ist das eine wahrhaft herkulische Aufgabe, die beeindruckend gelöst wurde.

Das Adagio der „ersten Abteilung“ ist der einzige Bestandteil der 10. Sinfonie Gustav Mahlers, der seinen zwar seltenen, aber gesicherten Platz in den Konzertprogrammen hat.

In diesem an die 30 Minuten dauernden Werk spiegelt sich viel: Die zwiespältige, von Todesängsten und Schicksalsschlägen gebeutelte Persönlichkeit des Komponisten ebenso wie sein schon in der 9. Sinfonie begonnenes Streben nach der Erschließung neuer Wege der sinfonischen Musik und seine Neigung zum fragmentarischen Nebeneinander von großartigen Einfällen und Banalitäten. Zubin Mehta und seinem Orchester gelang da eine sehr ausgewogene Deutung.

Bruckners Neunte als Höhepunkt

Den Höhepunkt des Konzerts stellte aber Bruckners 9. Sinfonie mit ihren drei vollständig erhaltenen Sätzen dar. Aus dem überwältigenden ersten Satz entwickelt sich in kunstvoll kontra-punktischer Architektur das Themenmaterial der gesamten Sinfonie. Bei der Interpretation Bruckners steht der 85-jährige Zubin Mehta als Künstlerpersönlichkeit gewissermaßen in einer „Wiener“ Tradition; davon beeinflusst, wusste er seine Vorstellungen von Klang, Phrasierung und Dynamik mit sparsamer, aber effizienter Zeichengebung überzeugend zu demonstrieren.

Das Orchester setzte die Vorgaben professionell–diszipliniert um. Dennoch war zu spüren, dass Bruckners monumentale Musik wohl nicht zu seinem Kernrepertoire zählt. Im Klang dominierte das mächtige Blechregister zu sehr, die Holzbläser blieben eher defensiv, und das dynamische Spektrum auch der Streicher erreichte nur selten Piano als untere Grenze.

Insgesamt gesehen, überwogen freilich die positiven Aspekte: Mahler und Bruckner wurde von diesem bedeutenden italienischen Orchester eine sehr aufwendige Reverenz erwiesen. Das unendlich zart ausklingende Adagio der Bruckner-Sinfonie löste zunächst ehrfürchtige Stille, dann aber lebhaften Beifall des Publikums, vermischt mit Standing Ovations, aus.

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