Vom Puppenheim ins Erdloch: Bunte Jelinek-“Nora” in Linz

Ein farbenfrohes Alienwesen ist Samstagabend auf der Bühne der Linzer Kammerspiele gelandet. Charlotte Sprenger inszenierte Elfriede Jelineks erstes Bühnenstück “Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften” und begegnete dem Wandel der Geschlechterrollen seit Henrik Ibsen mit einem Gender-Karussell.

Nachdem Nora in Ibsens gleichnamigem Drama ihren Mann Torvald verlassen und die Türe ihres Puppenheims hinter sich zugeschlagen hat, ist sie auf dem Selbstverwirklichungstrip. Sie landet mit einer rosaroten Rakete und bewaffnet mit einer Jausenbox in einer Fabrik, wo sie künftig selbst ihre Brötchen verdienen will, und verkündet stolz: “Ich bin keine Frau, die von ihrem Mann verlassen wurde, sondern eine, die selbsttätig verließ, was viel seltener ist. Im Augenblick flüchte ich aus einer verwirrten Gemütslage in einen Beruf.” Für ihre Kolleginnen, die wirklich wegen der Brötchen und nicht wegen der Selbstverwirklichung hier sind, bleibt sie eine Außerirdische.

Wie Nora (dargestellt von Nestroy-Preisträgerin 2019 Anna Rieser) so mit Puppen-Perücke und pinkem Kleidchen angetan im Erdloch sinnlich herumschaufelt, sticht sie der reichen Konsulin Weygang (mit vollem Körpereinsatz: Hanna Binder) ins Auge. Sie beginnen eine Beziehung, doch die Konsulin verhält sich auch nicht anders als ein Mann, sie nützt Nora aus und verschachert ihren “kostbarsten Besitz” ausgerechnet an Torvald. Geld oder Liebe? Welche Frage! “Von größter Schönheit ist das Kapital. Ihm kann auch Vermehrung nichts anhaben”, während Nora Orangenhaut kriegt.

Der Feminismus zur Zeit Ibsens, in den 1920er-Jahren, in denen Jelineks Stück eigentlich verortet ist, in den 1970ern, in denen die Autorin es geschrieben hat, und heute, wo die Linzer Inszenierung am ehesten zu Hause ist, hat sich sicherlich gewandelt. Dementsprechend schwammig bleibt das Thema. Regisseurin Charlotte Sprenger gibt der Kapitalismuskritik mindestens die gleiche Gewichtung und spielt mit Geschlechteridentitäten, besetzt die “Frau Linde” mit einem Mann und macht den im Original männlichen “Konsul Weygang” zu einer Frau. Denn mit dem Aufweichen der Geschlechterrollen verschwimmen auch die Zuschreibungen von gut und böse, von geben und nehmen.

Die Linzer Inszenierung punktet mit einigen sehr guten Darstellern – von Anna Rieser und Hanna Binder angefangen, bis hin zu einer witzigen “Frau Linde”, verkörpert von Jan Nikolaus Cerha, der als Frau im Mond eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt – und einer optisch ansprechenden Bühne (Aleksandra Pavlovic): unten das Erdloch, oben die klinische Chefetage, darauf Sprenkler in grellen Farben. Die sich im Rauch rekelnden bunten “Eisbären” mag das hustende Publikum für sich selbst interpretieren, ebenso warum Nora und die Konsulin plötzlich in diverse Akzente verfallen. Insgesamt ein trotz Texthängern (was angesichts der Wortmassen verzeihlich ist) ansprechender Theaterabend, dem eine Pause nicht geschadet hätte.

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