Bis ans Ende der Gewalt

„Adas Raum“, Debüt von Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo

Realistisch, idealistisch: Sharon Dodua Otoo
Realistisch, idealistisch: Sharon Dodua Otoo © APA/Gert Eggenberger

Ein Vorwurf der Kritik an Sharon Dodua Otoo lautet, dass sie „Animismus“ betreibe, also Dinge beseele. Tatsächlich erzählen in „Adas Raum“ ein Reisigbesen, ein Türklopfer, ein Zimmer, eine Brise, sogar ein Reisepass.

Der Vorwurf illustriert schön das Problem der Perspektive und des blinden Flecks. Der Vorwurf innerhalb einer streng konsumistischen Kultur geäußert, die materielle Güter vergötzt, die für Freiheit, soziales Prestige, Macht, Eleganz etc. stehen sollen. Hinzu käme religiöse Symbolik: Brot und Wein ebenfalls ein „Animismus“?

„Adas Raum“ ist für den herkömmlichen mitteleuropäischen Leser zunächst eine Herausforderung. Souveräner Erzähler oder Erzählerin — wo? Geordnete, chronologische Abfolge — mitnichten. Ein Puzzle aus Orten, Wahrnehmungen, Figuren. Fließende Übergänge überbrücken die Zeiten, in denen vier Verkörperungen Adas angesiedelt sind.

Vier Frauen, die nicht mit eigener Stimme sprechen, sondern — hier ist Sharon Dodua Otoo bestechend konsequent und manchmal auch sehr witzig — von besagten Gegenständen erzählt werden.

Zeitreise mit vier Adas

Sharon Dodua Otoo, 1972 in London geboren und in Berlin lebend, die Eltern aus Ghana, wurde 2016 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Otoos Romandebüt „Adas Raum“ ist ein ungeheuerliches Wagnis, ein unbekümmertes (aber sehr präzises) Suchen nach einer eigenen Sprache. Anti-hierarchisches Erzählen, eine Zeitreise in die Gegenwart, in der die vierte Ada, eine schwangere Schwarze, in Berlin eine Wohnung sucht.

Die erste Ada lebt 1459 in Totope an der afrikanischen Westküste, wohin sich auch ein zerlumptes Häufchen portugiesischer Eroberer verirrt. Die zweite Ada entlang der berühmten britischen Mathematikerin Ada Lovelace erzählt. Die dritte Ada — stößt hier die Fiktion an ihre Grenzen? — ist 1945 Zwangsprostituierte in einem deutschen Konzentrationslager. Der Raum der Misshandlungen titelgebend für den Roman: „Warum ich 1945 unbedingt ein KZ-Bordellzimmer werden musste, wollte mir zu der Zeit nicht einleuchten. Meine Wände waren so dünn, jeder Schrei, jedes Stöhnen ging durch mich hindurch. Ich war verdammt, alles zu bezeugen, aber nichts verhindern zu können.“

„Adas Raum“ lädt sich unendlich viel Ballast auf, wirbelt munter alte (Macht-) Perspektiven durcheinander. Ist stur realistisch und hemmungslos idealistisch, glaubt an die Verbundenheit der Menschen und daran, dass sich kollektive Traumata zur Sprache bringen lassen. Otoos Anspruch, ein halbes Jahrtausend Menschheits-, Gewalt- und Unterdrückungsgeschichte zu ballen, führt notwendig zu einem fragmentarischen Text. Mut zur Lücke, zur Offenheit, die den Leser immer wieder auf sich selbst zurückwerfen. Ein Leseabenteuer, im besten Sinn.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 22,70 Euro.

Von Christian Pichler

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